Bändigung der Globalisierung

SPIEGEL Nr. 37/2006Im aktuellen SPIEGEL Nr. 37/06 wird in der Titelstory der Angriff aus Fernost auf die Wirtschaft des Westens thematisiert. Wer den Artikel in Gänze liest, begreift schnell, dass wir uns seit einigen Jahre in einem Weltwirtschaftskrieg befinden, der dadurch ausgelöst wurde, dass in Asien, vorrangig in China, Milliarden Menschen auf den globalen Arbeitsmarkt traten. Die als “Tigerstaaten” bezeichneten Länder Asiens, denen der Verlust von Gesundheit und Menschenleben in der Produktion ebenso nichts bedeutet wie Umwelt, soziale Absicherung und die Bekämpfung von Korruption, drängen in die Märkte des Westens, ohne sich an die entsprechenden Spielregeln zu halten. Seien es nun Raubkopien, Kinderarbeit oder Patentklau, auf Anfrage wird lächelnd versprochen sich an die Spielregeln zu halten, während dann aber zugleich über Jahre hinweg keinerlei Anstrengungen unternommen werden. Kurzum, China & Co. wollen mitspielen auf dem globalen Markt, halten sich aber zugleich nicht an notwendige Grundregeln, die der Westen für erstrebenswert hält, z.B. Umweltschutz oder den Schutz der Menschenrechte. Daher ist es an der Zeit, die Tigerstaaten zu bändigen, bevor sie alle anderen ohne Rücksicht auf Verluste auffressen.

Einführung von globalen Indizes

Indizes sind den meisten Menschen bisher nur von der Börse her bekannt. Damit aber der Westen die Hoheit über die Spielregeln auf den globalen Märkten behält, Umwelt und Menschenwürde nicht vollends skrupellosen Raubtierkapitalisten geopfert werden und auch China & Co. endlich Maßnahmen unternehmen, um westliche Standards zu etablieren, empfehle ich die Einführung globaler Indizes für verschiedene politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Parameter. Das Rating könnte durch eine global zuständige Behörde erfolgen, welche zunächst von Europa, Kanada und den USA besetzt werden könnte. Diese Behörde erarbeitet Richtlinien für die Bewertung der jeweiligen Parameter und veröffentlicht diese Bewertungen für jedes Land. Werden dann Waren aus einem Land nach Europa, Kanada oder die USA importiert, das massive Umweltverschmutzung betreibt, Kinderarbeit duldet, die Menschenrechte nicht schützt oder den Arbeitsschutz mit Füßen tritt, so ist die Bewertung dieses Landes niedriger als jenes, wo die Waren verkauft werden sollen. Für die Differenz jedes Parameters zwischen Herstellungsland und Zielland werden auf die Waren Gebühren in Form von Steuern oder Zöllen erhoben. Auf diesem Wege könnte effektiv verhindert werden, dass einzelne Länder sich Vorteile auf Kosten von Umwelt, Menschenleben und Unfreiheit sichern. Denn diese Vorteile werden erschlichen, indem man der gesamten Menschheit Nachteile beschert. Denn das Gift, das irgendwo in China tonnenweise in Flüße und Meere gelangt, nehmen wir mit Nahrungsmitteln wieder auf. Ganz zu schweigen von der jeweiligen Problematik vor Ort.

1. Der administrative Index

Im administrativen Index würden all jene Umstände berücksichtigt, die sich auf Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Rechtsschutz, Korruptionsbekämpfung, Gleichberechtigung, Pressefreiheit und ähnliche Dinge beziehen. Mit Hilfe dieses Index-Wertes könnte man ablesen, unter welchen Bedingungen die Menschen leben und arbeiten. Ein Land wie China, eine Diktatur ohne Schutz der Menschenrechte, wo Tausende Tote im Bergbau nicht mehr als eine Randnotiz sind, würde dabei natürlich nicht besonders gut abschneiden. Ergebnis: Der Arbeitsschutz müßte verbessert werden.

2. Der ökologische Index

China verbraucht im Schnitt vier Mal so viele Ressourcen zur Produktion der gleichen Warenmenge als westliche Staaten in Europa oder den USA. Gleichzeitig findet die Produktion unter massiven Emissionen in die Umwelt statt. Spätestens seit der Klimaerwärmung sollte klar sein, dass viele Umweltfragen nicht lokal oder regional zu lösen sind, wenn nicht global an einem Strang gezogen wird. Auch die hohen Energiepreise an den Weltmärkten dürften zu einem nicht unerheblichen Teil auf die riesige Nachfrage Chinas zurückzuführen sein. Dieser Nachfrage nach Energie auf der einen Seite steht auf der anderen Seite die weitgehend ungefilterte Emission der Rückstände in Luft, Wasser und Boden gegenüber. Mit Hilfe des ökologischen Index könnte der Ressourcenbedarf und das Emissionsvolumen der Produktion veranschaulicht werden. Auch hier wären die Tigerstaaten gezwungen zu handeln, bevor sie die Lebensgrundlage aller Menschen komplett vergiftet haben. Ergebnis: Investitionen in Filter- und Kläranlagen würden ebenso vorgenommen wie die Auseinandersetzung mit alternativen Energiequellen.

3. Der soziale Index

Jeder Mensch sollte weltweit Anspruch auf eine soziale Grundsicherung besitzen, vor allem dann, wenn der Wohlstand des Landes dies hergibt. Diese Grundsicherung könnte beispielsweise den Anspruch auf Gesundheitsversorgung, Bildung, Wohnung, Ernährung, Kleidung, Kommunikation und Mobilität umfassen. In China und anderen Tigerstaaten wohnen die Arbeiter nicht selten in Verschlägen, die man im Westen nicht einmal als Hühnerstall verwenden würde. Sauberes Trinkwasser und Ernährung sind ebenfalls nicht garantiert. Löhne unterliegen keiner Mindestgrenze und im Glauben an den beruflichen Aufstieg unterbieten sich Chinas Arbeiter und Wanderarbeiter gegenseitig. Aber auch in Deutschland hat unter dem Druck der Tigerstaaten eine Abwärtsspirale eingesetzt, die es zu stoppen gilt. Am sozialen Index wäre somit abzulesen, ob und wie breit der Wohlstand innerhalb der Gesellschaft verbreitet ist. Ergebnis: Menschenunwürdige Lebensbedingungen erhielten ebenso eine Absage wie soziale Schieflagen.

4. Der Transport-Index (optional)

Der Transport von Waren und Teilerzeugnissen kostet nicht nur Geld, sondern belastet auch die globalen Ressourcen. So sind für einen Supertanker beispielsweise unzählige Tonnen Stahl notwendig und im Betrieb verbrennt er viele Tonnen fossiler Brennstoffe mit entsprechenden Emissionswerten. Ein Transport-Index könnte nun dazu führen, dass ein Produkt für jeweils 100, 500 oder 1.000 km Transport generell mit einer festzusetzenden, prozentualen Gebühr belegt würde. Im Ergebnis würde dies dazu führen, dass der Wanderzirkus der Konzerne und des globalen Kapitals in sinnvolle Grenzen zurückgeführt würde. So wäre es dann fraglich, ob es noch lohnend wäre, Krabben aus der Nordsee nach Spanien zum Puhlen transportieren zu lassen und diese anschließend wieder zurück nach Nordeuropa bringen. Solcher Wahnsinn beruht darauf, dass Transport billiger ist als Arbeitskraft. Die durch den Transport-Index bewirkte Verteuerung könnte dazu führen, dass Arbeiten wieder in der näheren Umgebung ausgeführt und Produkte aus benachbarten Regionen eingekauft würden. Ergebnis: Mehr regionale Produktion, Vermeidung von Emissionen.

Fazit

Es wäre also durchaus möglich, die Globalisierung zu bändigen und vor allem die durch den Druck der Tigerstaaten China & Co. in Gang gesetzten Abwärtsspiralen in Europa und den USA zu stoppen. Es kann nicht Sinn und Zweck des Wirtschaftens sein, immer mehr gleiche Produkte immer billiger in immer schlechterer Qualität zu erzeugen. Ziel sollte es vielmehr sein, in jeglicher Hinsicht besser zu werden. Zum Beispiel durch bessere Filteranlagen, mehr Lebensqualität für die Mehschen, mehr Innovation, flexible Bildungssysteme, Chancengleichheit und eine Grundsicherung der menschlichen Existenz. Den Predigern der ungebändigten Globalisierung und des anarchistischen Neoliberalismus sind Konzepte wie jene der Indizes natürlich nicht willkommen und deshalb versuchen sie meist diese als “Kommunismus” oder “Protektionismus” zu verunglimpfen. Diese Verunglimpfungen laufen aber immer dann ins Leere, wenn man sich vor Augen führt, dass der Freihandel durch diese Indizes ja nicht beschränkt würde. Denn diese sorgen lediglich dafür, dass alle Marktteilnehmer sich an gemeinsame Spielregeln halten, deren Sinn und Zweck evident ist. So würde niemand bei Verstand im Westen ernsthaft behaupten wollen, dass die Menschenrechte verzichtbar seien. Die Indizes würden anderen Staaten verdeutlichen, dass es auch für deren Regierungen innen-, außen- und wirtschaftspolitisch sinnvoll ist, die Menschenrechte zu schützen und auch für die anderen Indizes möglichst gute Werte zu erreichen.

2 Kommentare zu “Bändigung der Globalisierung”

  1. Perspektive 2010 » Blog Archive » Klimaschutz contra Kapitalismus

    [...] habe in meinem Artikel Bändigung der Globalisierung bereits mit globalen Indizes eine Möglichkeit beschrieben, vor allem die sozialen und [...]

  2. Lächerliche Zuschriften « INSM Watchblog

    [...] weitere gesellschaftliche Mindeststandards zu erhalten, ist bei Perspektive 2010 unter dem Titel Bändigung der Globalisierung zu finden. Ein einfaches Index-System, welches dafür sorgen würde, dass wir uns bezüglich [...]


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