Robert van de Weyer: Zen und die globale Krise des Kapitalismus
Wie ja bekannt ist, beschäftige ich mich unter anderem mit fernöstlicher Philosophie, dabei vorrangig mit den Teilbereichen Taoismus und Zen. Neulich stieß ich in einer großen Kölner Buchhandlung auf ein Buch mit dem Titel “Zen und die globale Krise des Kapitalismus” von Robert van de Weyer. Leider enttäuschte dieses Buch auf der gesamten Linie. Vielmehr frage ich mich noch immer, was dieser Schmarrn mit Zen zu tun haben soll, denn ich habe selten so viel hanebüchenen Unfug zwischen zwei Buchdeckeln gelesen wie in den Ergüssen von Robert van de Weyer. Erst hinterher wurde mir klar, warum dies so war: Laut Autorenporträt auf der letzten Umschlaginnenseite lehrte van de Weyer 20 Jahre lang Ökonomie an der Universität von Cambridge und ist anglikanischer Priester. Das merkt man.
Generell geht van de Weyer so gut wie gar nicht auf Zen ein oder er hat es möglicherweise absolut nicht verstanden. Primär stürzt er sich auf Japan mit seiner exorbitant hohen Sparquote und meint, dass eine solch hohe Sparquote auch dem Westen gut tun könnte. Zwischendurch kommt er immer mal wieder auf Keynes und Adam Smith zu sprechen, was ganz deutlich belegt, wessen Geistes Kind er ist: ein neoliberaler Jubelperser des globalisierten Raubtierkapitalismus. Er schwadroniert von großen Häusern und luxoriösen Autos und dass wir ja angeblich alle massiv zu viel Wohlstand hätten und uns doch gefällig an den Japanern ein Beispiel nehmen sollen mit deren Sparquote, damit wir im Alter nicht verarmen. Ein paar Aspekte der Rentenlücke und der Geburtenrate beleuchtet er zwar zutreffend, aber Lösungen hat er keine anzubieten, die nicht schon von einem x-beliebigen Propaganda-Institut der Wirtschaft verbreitet worden wäre. Besonders pikant ist dabei, dass er neben Roosevelt Hitler als Beleg dafür anführt, dass Keynes ja auf jeden Fall richtig damit gelegen habe, dass der Staat Nachfrage generieren müsse, falls diese anders nicht mehr in Schwung kommt. Selbstverständlich vergisst es van de Weyer auch nicht, es als “Ungerechtigkeit” zu geißeln, dass Reiche höhere Beiträge zu den Sozialversicherungen zahlen als Ärmere.
Unter dem Strich bietet Robert van de Weyer in seinem Buch nichts weiter als einen Lobgesang auf den Kapitalismus und wälzt die Defizite auf die einzelnen Akteure der Märkte - insbesondere die Verbraucher - ab, da diese nicht die japanische Sparquote erfüllten. Man könnte es auch in einem Satz zusammenfassen, dass er fordert, wir alle sollten doch bitte dem goldenen Kalb Kapitalismus noch mehr von unserer Geld gewordenen Lebenszeit in den Rachen stopfen, damit es fleißig weiter Kuhfladen in Form von überflüssigen Gütern produzieren kann. Dieses Buch hat es in keinster Weise verdient, “Zen” im Titel zu führen. Dass van de Weyer als anglikanischer Priester das Solidaritätsprinzip am liebsten abschaffen würde, spricht Bände für seine “Kirche”. Vermutlich versteht Robert van de Weyer nur etwas von Ökonomie im begrenzten Rahmen des Kapitalismus und seines kirchlichen Hintergrunds. Wer sich jedoch nicht außerhalb des Rahmens des Existierenden bewegt, kann auch nicht für sich in Anspruch nehmen, zu irgendwelchen neuen oder gar visionären Erkenntnissen zu gelangen.
Wer dachte, in diesem Buch etwas über die Fehler des Kapitalismus und mögliche Lösungsansätze nach den Regeln des Zen und anderen Aspekten fernöstlicher Philosophie zu erhalten, wird sich von dieser kapitalistischen Propagandaschrift verschaukelt fühlen. So bleibt nur, sich zum Thema Zen und Tao lieber mit den Werken von Laotse, Alan Watts, Philip Kapleau oder Theo Fischer zu befassen und sich sein eigenes Urteil zu bilden.
Fazit: Wer von Menschen und Philosophie nichts versteht, sollte es sich nicht erdreisten, philosophische Begriffe wie Zen mit dem menschenverachtenden Schweinesystem des Kapitalismus in Verbindung zu bringen. Jeder, der auch nur ansatzweise etwas vom Thema versteht, würde Robert van de Weyer auslachen und sein Buch als Klopapier verwenden. Kein Wort vom Leid der Menschen, dem Verlangen, dem Rad der Wiedergeburt, den fünf Anhäufungen, dem achtfachen Pfad oder ähnlichen Dingen. Es scheint, als wollte van de Weyer in New Age-Manier eine spirituell anhauchende Hymne auf den Kapitalismus anstimmen, ohne selbst über Spiritualität jenseits der Zahlen-Ökonomie zu verfügen. Böse Zungen würden ihn angesichts eines solchen Geschreibsels frei von Fachkenntnis der Philosophie auch schlichtweg als Hochstapler bezeichnen.
PS: Wer dieses vollauf neuwertige Buch (NP: 16,00 Euro) haben will, kann es bekommen, indem er / sie mir einen gescannten Spendenbeleg über mindestens 12,00 Euro an Greenpeace oder den WWF und seine Adresse per E-Mail zukommen läßt. Sie können diesen Beleg selbst in Ihrer Steuererklärung verwenden, mir geht es lediglich um die Erfüllung des guten Zwecks.

