Die Auswanderungswelle und ihre Gründe

Wie nun auch Vertreter der Wirtschaft gemerkt haben, befinden sich die Deutschen immer öfter auf der Flucht. Insbesondere qualifizierte und hoch qualifizierte Deutsche bis 35 Jahren emigrieren und nehmen damit Qualifikationen, Erfahrungen und Know How mit - im vergangenen Jahr über 145.000 Mal. Dumm nur, dass Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und Familienoberhaupt der milliardenschwerden Eigentümerfamilie des im Gesundheitssektor tätigen Unternehmens B. Braun Melsungen AG in Nordhessen aus der Abwanderung der Deutschen die falschen Schlüße zieht.

So meint Braun, dass “hohe Steuern und Sozialabgaben, ein nahezu undurchlässiger Arbeitsmarkt und Defizite in der Bildungs- und Betreuungs-Infrastruktur” erhebliche Standortnachteile darstellten. Vielleicht hat es Ludwig Georg Braun nicht mitbekommen, aber die Steuersätze und die Sozialabgaben sinken seit der rot-grünen Schröder-Regierung mit ihrer für die Bürger belastenden und unheilvollen Agenda 2010 stetig. Und mit welchen Mitteln sollen denn die Defizite der Bildungs- und Betreuungs-Infrastruktur behoben werden, wenn Interessenverbände wie jener, dem Braun als Präsident vorsitzt, dauernd nach immer mehr Steuergeschenken und Subventionen für das goldene Kalb Wirtschaft blöken? Warum ist der Arbeitsmarkt wohl so undurchlässig? Doch wohl, weil Arbeitslose seit Jahren permanent als Faulenzer und Taugenichtse verleumdet werden, anstatt ihnen zurück in eine eigenständige Existenz zu verhelfen. Denn auch dafür bräuchte man das Geld, das seit diversen Unternehmenssteuer-Reformen, beispielsweise der Reform der Körperschaftssteuer, denen wie Zucker in den Allerwertesten geblasen wird, die Braun und die von ihm geführte Organisation vertreten.

Die Vorwürfe von Braun in Richtung Politik sind daher vollkommen deplatziert. Damit er aber auch einmal einen Hauch Realität einatmen kann, sollen einmal die wirklichen Beweggründe der Deutschen für ihre Auswanderung beleuchtet werden. So haben die Bürger beispielsweise keine Lust darauf, bei der nächsten Fusion oder Streichorgie in den Unternehmen ins soziale Abseits getreten zu werden. Noch weniger Lust haben sie darauf, dass die Bildungschancen in Deutschland immer mehr von Geldbeutel und Herkunft abhängen, Stichwort Studiengebühren. Noch viel weniger Lust haben sie dann darauf, dass ihre Kinder in den von Herr Braun vertretenen Unternehmen keine oder zu wenig Ausbildungsplätze angeboten bekommen. Zum Dank für die Bemühungen und selbst getragenen Kosten des Studiums werden sie dann, teils über Jahre hinweg, mit nicht oder nur miserabelst bezahlten Praktika abgespeist. Als Krönung dürfen sie sich dann noch vorwerfen lassen, dass sie zu wenige Kinder in die Welt setzen, deshalb mehr in die Rentenkasse einzahlen und darüber hinaus noch mit steigender Tendenz privat vorsorgen müssen.

Was also die Leute aus dem Land treibt, Herr Braun, das sind die Folgen von Maßnahmen und Entwicklungen, die die Wirtschaft und ihre Interessenverbände, darunter auch der DIHK, forciert und der Politik eingeflüstert haben. Der schwarze Peter ist somit in erster Linie in den Reihen der Wirtschaft zu finden. So war es Ludwig Georg Braun, der einerseits mehrjährige Nullrunden für die Beschäftigten forderte und zugleich den Unternehmen riet, “nicht auf die deutsche Politik zu warten”, sondern das Glück in den EU-Beitrittsländern, zum Beispiel in Osteuropa, zu suchen. Wenn Braun die Abwanderung der qualifizierten Arbeitnehmer nun heuchlerisch als “Alarmzeichen” verstanden wissen will, um weiter jene asoziale Politik zu fordern, die genau diese Misere verursacht hat, muss man sich schon fragen, wie es mit Brauns Realitätssinn ausieht. Die Arbeitnehmer tun es nämlich nur den Unternehmen gleich - mit dem Unterschied, dass sie in Länder abwandern, wo zwischen Lebenshaltungskosten und Löhnen nicht so massive Lücken klaffen wie mittlerweile in Deutschland. Wo man noch so Dinge wie anständige Stundenlöhne, bezahlte Überstunden, soziale Sicherheit und eine familienfreundliche Work-Life-Balance kennt. Dass Ludwig Georg Braun sich selbst als praktizierenden Christ verstanden wissen will, rundet sein Bild passend ab. Da sollte er doch aus der Bibel wissen: man erntet, was man gesät hat. Es erstaunt daher nicht, dass Braun von zahlreichen Seiten Kritik geerntet hat. Die deutschen Arbeitnehmer dürften hingegen weiterhin mit den Füssen abstimmen. Sie werden sich jedenfalls nicht mehr länger als nötig von den Konzernen ausbeuten und von der Politik belügen lassen.

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