Kurz notiert: Skandale rund um StudiVZ

Ich habe lange überlegt, ob ich zu dem Thema etwas schreiben soll, da ich es lange für nicht so besonders wichtig betrachtet habe, was in diversen anderen Blogs über technische Mängel sowie eklatante Defizite in der Kommunikation und dem Verhalten der Gründer geschrieben wurde. Als ich neulich aber mal wieder bei Youtoube reinschaute, fiel mir bei der Suche nach StudiVZ ein Video auf, das ich mir einige Tage zuvor schon einmal angesehen hatte, ohne dass mir der Bezug bekannt war.

In diesem Video läuft ein zu kurz geratener Proll mit einer Kamera in der U-Bahn herum und macht recht platt zwei Blondinen an, die sich gelangweilt und desinteressiert abwenden, was den offenbar auch geistig zu kurz geratenen Kamera-Belästiger nur dazu bringt, noch penetranter zu nerven. Was ich beim ersten Anschauen für das pubertäre Treiben eines dummen Teenies hielt, ist nämlich nichts anderes als das offenbar regelmäßig entgleisende Verhalten des Gründers von StudiVZ, Ehssan Dariani. Von einem Absolventen der als Elite-Schmiede gehandelten Universität von St. Gallen hätte ich ein etwas anderes Verhalten erwartet.

Andere Youtube-Nutzer waren zwischenzeitlich kreativ und haben das Video etwas überarbeitet: Zwar ist darin weiterhin Dariani mit seiner Kamera zu sehen, wie er ungefähr auf Nippelhöhe der beiden Blondinen herumzappelt, jedoch hat man den Text von AssiToni hinterlegt, der erschreckend gut zur Szenerie passt. Ebenso die Angabe des Tags “arschgesichter” für dieses Video seitens Dariani. Aber das ist ja noch lange nicht alles.

In einem Video mit dem bezeichnenden Titel chick auf mitte party // WC sind weitere Glanzleistungen des studentisch elitären Ehssan Dariani zu bewundern, wo er eine junge Frau, die offensichtlich stark alkoholisiert ist, mit seiner dummen Kamera auf dem Damenklo belästigt. Er nennt das übrigens “interviewen”.

Besonders toll ist auch die Wortneuschöpfung “Gruscheln“, welche zwar eigentlich aus der Kombination von “Grüßen” und “Kuscheln” entstanden sein soll, mittlerweile kursieren aber Gerüchte, es seien vielmehr die Worte “Grabschen” und “Kuscheln” kombiniert worden. Diese Gerüchte tauchten vor allem im Zusammenhang mit einem Sexismus-Skandal auf, nachdem eine Gruppe von 700 männlichen Mitgliedern des StudiVZ entlarvt worden war, die Profile weiblicher Mitglieder gezielt nach aufreizenden Bildern durchsuchten und diese im Forum der Gruppe veröffentlichten, um - ohne Wissen der betroffenen Frauen - jeden Monat eine “Miss StudiVZ” zu wählen, welche im Anschluß von zahlreichen Mitgliedern dieser Gruppe virtuell gegrüßt bzw. begrabscht wurde. Besonders pikant ist dabei der Umstand, dass es eine Beschwerde über diese Gruppe gab, der aber jenseits der Aufforderung zur Entfernung pornografischer Sprache nicht weiter nachgegangen wurde. Dafür beantragte der zuständige Moderator sogleich die Mitgliedschaft in dieser Gruppe für sich un ein Gründungsmitglied des StudiVZ.

Ach ja, und es gab da natürlich noch mehr, beispielsweise Datenlecks, mangelnde Transparenz bei der Angabe der Finanzierung des StudiVZ durch Holtzbrinck Ventures GmbH und die Samwer-Brüder (Jamba), die genannte Frauenbelästiger-Gruppe, eine Party-Einladung im Stil der NS-Zeitung “Völkischer Beobachter” unter der Webadresse voelkischer-beobachter.de und nicht zuletzt der weitgehend belegte Vorwurf, sich in Sachen Layout und Konzept schamlos am amerikanischen Vorbild facebook.com bedient zu haben. Ganz davon zu schweigen, dass die Kommunikation des StudiVZ zu den entsprechenden Vorfällen in der Regel miserabel bis gar nicht existent war. Meist ergab man sich in nichtssagendem Marketing-Geschwafel.

Nun werden sich meine Leser sicher fragen, was dieser Fall in einem Blog zu suchen hat, der sich mit der Globalisierung und deren Bändigung beschäftigt. Ich denke, der Fall “StudiVZ” ist ein sehr schönes Beispiel für das, was heutzutage in der westlichen Welt als “Elite” bezeichnet wird. Nur allzu voreilig spricht man in Ländern wie Deutschland von “Elite”, wenn irgendwelche renommierten Hochschulen und / oder viel Geld im Spiel sind. Beides war auch beim StudiVZ der Fall: Gründer Ehssan Dariani besuchte die so genannte Elite- Universität von St. Gallen und Holtzbrinck Ventures brachte 2 Millionen Euro in das Projekt ein. Insgesamt griffen die Gründer 2,5 Mio Euro bei verschiedenen Kaptialgebern ab. Dennoch fehlt es bei der Führung von StudiVZ offenbar ganz massiv an jenen Dingen, die weder auf Elite-Universitäten noch von Kapitalgebern wie Holtzbrinck vergeben werden: Reife und Anstand beispielsweise. Einfachste Grundregeln des geschäftlichen und gesellschaftlichen Miteinanders. Ebenso wie es ein Lumpenproletariat gibt, so gibt es nämlich auch eine Lumpenelite: eine Elite, die zwar über eine sehr gute Ausbildung und / oder Kapital verfügen mag, aber menschlich und charakterlich komplett versagt. Seien es nun junge Sozialisationsversager wie das Gründerteam vom StudiVZ oder konsumgeile Kinder reicher Eltern, die sich wie Asoziale verhalten: sie alle gehören zur Lumpenelite, die menschlich und charakterlich auf sehr dünnem Eis wandelt. Eine gesellschaftliche Vorbildfunktion kann von ihnen nicht ausgehen.

4 Kommentare zu “Kurz notiert: Skandale rund um StudiVZ”

  1. » StudiVZ und kein Ende, Blogpiloten.de - Weblog Update Weekly

    [...]   48   Blackbox WWW         09:45 | Nov 28′06 StudiVZ und kein Ende   Kein anderes Thema wurde bisher in deutschen Weblogs so intensiv und ausdauern diskutiert wie das Social Network StudiVZ. Das Berliner Start-Up polarisiert: Einmal auf der menschlichen Seite, einmal auf der technischen. So hört man nun zwar keine kleinen Skandale um videofilmende Chefs oder zenierte Kommentare im Firmen-Blog, doch die Themen werden nicht unbedingt kleiner: Stalker treiben sich auf der Plattform herum und Sicherheitslücken werden nach und nach aufgedeckt. Vorzeitiger Höhepunkt: Eine Phishing-Attacke gegen StudiVZ zwang das Team, die Plattform gestern tagsüber abzuschalten. Trotzdem glaubt man bei StudiVZ auch weiterhin: ‘Alles wird gut‘. [...]

  2. PC-Blog: PC- und Technik-Nachrichten » Blog Archive » Studenten-Portal nach Phishing-Angriff offline

    [...] StudiVZ, das ist für die einen ein spannendes Studentenportal. Andere nennen es ein Plagiat, warnen vor Stalkern und Sicherrheitslücken und Datenlecks. Am Montag war die Seite vorübergehend wieder nicht erreichbar. Nach einem Phishing-Angriff musste sie aus Sicherheitsgründen abgeschaltet vorrübergehend abgeschaltet werden. Kritik an StudiVZ. [...]

  3. Perspektive 2010 » Blog Archive » Kurz notiert: Die Studenten wehren sich gegen StudiVZ

    [...] Ich berichtete kürzlich von den diversen großen und kleinen Skandalen rund um das Studentenverzeichnis StudiVZ. Inzwischen ergreifen die Studentinnen und Studenten nicht nur die Flucht aus dem StudiVZ, sondern sie setzen sich auch zur Wehr, indem sie aufklären, wo von offizieller Seite keine Erklärungen kommen. [...]

  4. Perspektive 2010 » Blog Archive » fzs sieht von Zusammenarbeit mit studiVZ ab

    [...] Offenbar waren die Skandale um das StudiVZ auch für den fzs nicht mehr tragbar. Ob nun letztlich das spätpubertäre Verhalten von Ehssan Dariani in diversen Videos bei YouTube, die Party-Einladung unter voelkischer-beobachter.de, der Plagiat-Vorwurf, die undurchsichtige Finanzierung, diverse Sicherheitslücken oder die sexistische Stalking-Gruppe im studiVZ den Ausschlag gegeben hat, wird nicht genauer erwähnt. [...]


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