Neoliberaler Biologismus und das Institut zur Zukunft der Arbeit
Bevor ich zum Kern dieses Artikels komme, möchte ich die beiden Begriffe aus der Überschrift näher erläutern. Ich habe festgestellt, dass ich vielfach Begriffe verwende, die nicht jedem Besucher geläufig sein dürften, weil ich immer darauf vertraue, dass im Zweifelsfall Google oder Wikipedia befragt wird. Davon kann aber nicht immer ausgegangen werden. Für diesen Artikel sind die Begriffe auch im inhaltlichen Kontext nicht unwichtig.
Als Neoliberalismus wird heute in der Regel die Chicagoer Schule verstanden, wobei vor allem Individualismus und Egoismus der wirtschaftlich / monetär Starken auf Kosten der Massen gepredigt und jegliche Regulierung des Marktes durch Eingriffe des Staats verteufelt wird. Mit dem Ursprung des Begriffs hat diese neue Form des Neoliberalismus nicht mehr viel gemeinsam. Denn ursprünglich entstanden aus den Lehren des Neoliberalismus die Wirtschaftsordnungen der westlichen Staaten inklusive der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, welche der Bevölkerung Deutschlands lange Zeit soziale Gerechtigkeit garantierte. Mittlerweile werden die Begriffe Neoliberalismus, Marktradikalismus und Anarchokapitalismus häufig synonym verwedet.
Der Begriff Biologismus bezeichnet weltanschauliche Konzeptionen, welche die Wirklichkeit vor allem unter Zuhilfenahme biologischer Gesetzmäßigkeiten zu erklären versuchen oder eine entsprechende Ausgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse anstreben. Politisch werden Biologismen vor allem zur Rechtfertigung von sozialer Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung verwendet. Politische Strömungen, welche regelmäßig zu biologistischen Erklärungsversuchen greifen, sind beispielsweise Sozialdarwinismus, Faschismus und Rassismus.
Besonders pikant ist vielleicht jener Umstand, dass das Konzept des Neoliberalismus von Friedrich Hayek, Wilhelm Röpke, Walter Eucken auf einer Konferenz in Paris im Jahre 1938 entwickelt wurde, also zu einer Zeit, als der Faschismus in Europa Hochkonjunktur hatte.
Nun zum Kern dieses Artikels, den eine Meldung bei Yahoo bildet, welche dort unter der Überschrift Studie bestätigt: Erfolg liegt in der Familie veröffentlicht worden war. In jener Meldung wurde eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) erläutert, welche zusammengefasst konstatiert, dass Risikobereitschaft, Vertrauensfähigkeit und andere Charaktereigenschaften für ökonomischen Erfolg vererbt würden. Man schadroniert freimütig über einen “Vererbungseffekt”, der umgekehrt auch dafür sorge, dass die Zugehörigkeit zur so genannten Unterschicht zementiert wird. Der Artikel schließt mit dem angebliche entlarvten Mythos, dass sich Gegensätze anziehen und gibt Männlein wie Weiblein gleich noch die verpackte Partnerschaftsempfehlung “Gleich und gleich gesellt sich gern” mit auf den Weg. Geborene Gewinner und geborene Verlierer – so einfach kann die Welt des Neoliberalismus sein, in der dann jegliche Solidarität und Menschlichkeit aufgekündigt wird.
Die Studie des IZA ist jedoch nichts weiter als realitätsferner, sozialdarwinistischer und faschistoider Dreck. Ich sage dies so deutlich, da ich nichts mehr verabscheue als jene, die die Wahrheit mit dem Gift der Lüge zu verderben trachten. Zunächst sollten die Dinge beim Namen genannt werden: Es geht primär ums Geld, nicht um Risikobereitschaft, Vertrauensfähigkeit oder angeblich vererbte Charaktereigenschaften. So entsteht Risikobereitschaft in der Regel nur aus einer Position der (materiellen) Sicherheit. Vertrauen in Dritte kann nur derjenige fassen, der gut genug informiert und gebildet ist, um nicht von den zahlreichen Lügnern und Betrügern in westlichen Gesellschaften über das Ohr gehauen zu werden. Die wesentlichen Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg sind nämlich nichts anderes als die Sozialisation, Bildungschancen und der Zugang zu Kapital, sei es durch Familienvermögen / Erbe oder durch Wissen über Risikokapital und andere Konzepte zur Finanzierung von Geschäftsideen. Ein Vererbungseffekt ist somit in der Tat auszumachen, jedoch ist dieser nicht genetischer Natur, sondern durch Sozialisation, Bildung und Kapital bedingt.
Nun wollen wir uns den Laden, der solchen faschistoiden Schrott veröffentlicht, einmal genauer anschauen, das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), welches als gemeinnützige GmbH und privatwirtschaftliches Wirtschaftsforschungsinstitut in Bonn sitzt und mit der Universität Bonn kooperiert. Weiterhin ist Dr. Klaus Zumwinkel nicht nur der Präsident des Instituts, sondern zugleich der Vorstandsvorsitzende von Deutsche Post World Net. So erstaunt es auch nicht, dass die Finanzierung vorrangig von der Deutsche Post-Stiftung gesponsert wird. Spätestens jetzt sollte ihnen der Spruch “Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing” in den Sinn kommen. Schauen wir uns zum Abschluß noch die Positionen des Instituts für Zukunft der Arbeit an:
Zu den – teils kontrovers diskutierten – Reformvorschlägen des IZA für den deutschen Arbeitsmarkt zählen beispielsweise das Workfare-Konzept als Alternative zum Kombilohn-Modell, “Arbeitslosen-Auktionen”, die Ablehnung der flächendeckenden Einführung von Mindestlöhnen sowie die Lockerung des Kündigungsschutzes und die Anhebung des Renteneintrittsalters. Darüber hinaus fordert das IZA eine stärkere Berücksichtigung ökonomischer Aspekte im Zuwanderungsgesetz.
Erinnern Sie sich an die beiden Begriffserklärungen am Anfang dieses Artikels? Dann sollten Ihnen für die Positionen des IZA die passenden Attribute einfallen: neoliberal, sozialdarwinistisch, anarchokapitalistisch, ausbeuterisch, unterdrückend, sozial ungerecht, marktradikal, menschenfeindlich. Dies sind die zutreffenden Attribute, die sich aus der Erläuterung der Begriffe Neoliberalismus und Biologismus ergeben. Das Institut für Zukunft der Arbeit erscheint mir angesichts dieser Attribute als nichts anderes als eine weitere Lobby der (Finanz-) Wirtschaft, die – ähnlich wie die Mogelpackung Inititiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), eine Lobbyorganisation des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall unter Martin Kannegiesser – den Massen ihren neoliberalen Sand in die Augen streuen will, damit in den Medien der Anschein entsteht, es gäbe keine Alternativen zum neoliberalen Ausbeuter- und Globalisierungs- Zirkus.
Die Positionen von INSM und IZA sind sehr ähnlich, teils kongruent, und so erstaunt es auch nicht, wenn mit Florian Gerster (SPD), dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, ein bekannter Kopf sowohl bei der INSM als auch bei der IZA an Bord ist. Bei der INSM ist Florian Gerster Mitglied des Fördervereins der INSM, bei der IZA schmückt ihn der Titel “Direktor Policy Fellows”. Auf den NachDenkseiten ist das Institut für Zukunft der Arbeit (IZA) auch schon als “von der Deutschen Post finanzierter Think Tank” im Visier. Bei Telepolis ist übrigens eine weitere, nicht minder schwachsinnige Studie zu finden, die einen Zusammenhang zwischen der Fußball-WM und einem angeblich gestiegenen Haushaltseinkommen herzustellen versucht – und kläglich scheitert. Denn Lügen haben kurze Beine. Das wird auch offenbar, wenn man sich einmal im Focus-Forum umschaut:
War das nicht der Verein der einräumen musste das die Ergebnisse der sogenannte “Studien” Wort für Wort von den Auftraggebern vorgegeben waren?
Zitat:
Kritiker werfen dem Institut eine stark neoliberale politische Ausrichtung vor. Es wird als wirtschaftsnahe PR-Initiative ähnlich der Bertelsmann Stiftung, mit der sie beispielsweise durch Publikationen ihres Direktor für Arbeitsmarktpolitik, Dr. Hilmar Schneider, verflochten ist, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, mit der sie personell direkt durch ihren Direktor Policy Fellows, Florian Gerster, Staatsminister a. D., verflochten ist, oder der Stiftung Marktwirtschaft gesehen.
Dem Institut wird, ähnlich wie den zuvor genannten Stiftungen und Initiativen, vorgeworfen in ihren Studien die Daten bisweilen methodisch unzulässig zu interpretieren beziehungsweise Studien und wissenschaftliche Publikationen gezielt auf eine neoliberale politische Zielsetzung und Zielwirkung zu erstellen.
INSM und IZA, ein Dreamteam für die neoliberale Verblödung der Massen – mir wird gerade schlecht…


am 6. Dezember 2006 um 00:57:36 Uhr.
[...] Selbstverständlich übt man beim SPIEGEL, der mittlerweile leider auch nur noch zu einem Sprachrohr der Meudalistischen Einheitspartei und neoliberaler Lobbys verkommen ist, keinerlei Kritik an den gesellschaftlichen Umständen, die aus den von der Uno ermittelten Fakten resultieren. Sonst würden Themen wie Kapitalertrags-, Vermögens- und Erbschaftssteuern wesentlich häufiger und intensiver diskutiert. Dafür sind die oben erwähnten alternativen Medien und diverse Blogs eine wesentlich bessere Quelle. [...]
am 3. Januar 2007 um 01:27:41 Uhr.
Was ist Neoliberalismus? – Teil Zwei…
Unmittelbar vor Weihnachten ging es hier um den “Neoliberalismus” am Beispiel der Bildungspolitik. Im Blog “Perspektive 2010″ findet sich ein Beitrag ganz nach meinem Geschmack. Dort stellt Alex die von neoliberalen Zeitgenosse…
am 12. April 2007 um 14:55:07 Uhr.
[...] Institut, sondern ein weiterer neoliberaler und arbeitgebernaher Think Tank, über den ich auch schon einmal berichtet habe. Präsident des IZA ist Dr. Klaus Zumwinkel, welcher zugleich Vorstandsvorsitzender von [...]
am 14. April 2007 um 16:12:15 Uhr.
[...] Institut, sondern ein weiterer neoliberaler und arbeitgebernaher Think Tank, über den ich auch schon einmal berichtet habe. Präsident des IZA ist Dr. Klaus Zumwinkel, welcher zugleich Vorstandsvorsitzender von [...]
am 2. August 2007 um 12:23:08 Uhr.
[...] Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) war schon mehr als einmal Thema dieses Blogs. Dort sitzen unter Klaus Zumwinkel, Vorstandsvorsitzender von Deutsche Post World Net, [...]