Gesellschaftliche Verrohung
Am vergangenen Wochenende machten vor allem zwei Vorfälle in den Nachrichten die Runde: der Doppelmord in Tessin und der Anschlag auf einen Bus in Bochum mit Molotow- Cocktails. Beide Ereignisse sind Merkmale des gleichen Prozesses: der fortschreitenden Verrohung unserer Gesellschaft durch den asozialen Raubtierkapitalismus. Wie wäre es sonst zu erklären, dass in Tessin in Mecklenburg- Vorpommern am Samstagabend zwei 17-jährige Jugendliche ein Ehepaar kaltblütig niederstachen, um sich deren Auto anzueignen? Danach nahmen sie ein 15-jähriges Mädchen als Geisel und flohen, konnten aber von der Polizei gestellt und nach gut eineinhalb Stunden zur Aufgabe bewegt werden. Natürlich gab es danach auch gleich mal wieder irgendwelche Gerüchte um “Killerspiele”. Denn selbstverständlich darf es ja nicht sein, dass die fehlenden Perspektiven wegen mangelnder Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu einer Aufstauung von Frust geführt haben könnten, die irgendwann in tödlichem Hass auf alles und jeden mündete, der diese Tat ermöglicht hat. Denn wer schon alles verloren hat oder keine Perspektive mehr sieht, dem ist ohnehin alles egal. Im Knast hat es wenigstens ein Dach über dem Kopf, was zu essen und eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle. Sind das die Signale, die wir der Jugend mit auf den Weg geben wollen? Bring paar Leute um oder bau anderen Mist, der Dich ein paar Jahre in den Knast bringt, dann bekommst Du eine Ausbildung? Denn was nützt den beiden Tätern, die Gymnasiasten sind, ein Abitur, wenn sie nur noch dann studieren können, wenn sie oder ihre Eltern die Studiengebühren bezahlen können? Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist bundesweit ohnehin ungebrochen hoch.
Die Gesellschaft bricht ihre Versprechen. Zum Beispiel das Versprechen, dass es jeder zu einer halbwegs sicheren Existenz und Wohlstand bringen kann, wenn er sich nur anstrengt. Dieses Versprechen wird durch die stillschweigende Hinnahme von Tausenden fehlenden Ausbildungsplätzen Jahr für Jahr ebenso hinfällig wie durch Studiengebühren und eine mangelnde Förderung des Studiums generell. Die Wirtschaft vertröstet und vertröstet, die Politkasper nicken und bleiben untätig. Sonst hätten wir schon längst eine Ausbildungsplatz-Abgabe, mehr Ausbildungsplätze oder zumindest die Mittel für berufsvorbereitende schulische Maßnahmen. Man könnte es auch kurz und knapp so ausdrücken: Politik und Wirtschaft lassen Jahr für Jahr nicht unerhebliche Teile der Schulabgänger und kommenden Generationen im Stich.
Das zweite Ereignis fand ebenfalls am Samstagabend statt. In Bochum bewarfen Unbekannte einen Linienbus der Verkehrsgesellschaft Bogestra mit mehreren Molotow Cocktails und flohen danach unerkannt. Einer der Brandsätze durchschlägt eine Tür, setzt den Einstiegsbereich und mehrere Sitzbänke in Brand. Zwei Fahrgäste wurden verletzt. Der Fahrer konnte den Brand jedoch selbst löschen.
Es scheint so, als habe man aus den Amokläufen von Erfurt und Emsdetten nichts gelernt. So als gäbe es keine zunehmende Gewalt und Kriminalität unter den Jugendlichen und Prekarisierten. Als würde man sich auch weiterhin dagegen verweigern, die konstant hohe Zahl der Selbstmörder in Deutschland endlich als das zu erkennen, was sie ist: eine gewalttätige, blutige und exzessive Kritik an einer immer roheren, gnadenloseren Gesellschaft, wo der Einzelne nicht mehr zählt: Friss oder stirb, fressen oder gefressen werden. Schöne neue Welt.


am 16. Januar 2007 um 17:02:23 Uhr.
[...] Dieses Zitat habe im Usenet gefunden. Ich denke, es spiegelt sehr schön wieder, wie immer größere Teile der Jugend und generell der Menschen mittlerweile denken und fühlen. Es ist Endzeit. Endzeit des Kapitalismus, der nicht gesiegt hat, sondern nur übrig geblieben ist. Der nun die Menschen weltweit quält und ihre Seelen tötet. Solche Sätze schreiben Menschen, die mit der Menschheit in jeglicher Hinsicht fertig sind. Deren Leben und Lebensziele vom affigen, kapitalistischen Gesellschaftssystem der Menschen zerstört wurden. Menschen, die alleine Hass noch als einzige Emotion in sich spüren. Davon aber umso mehr. Menschen, die morgen zum Amokläufer werden oder aus purem Hass heraus andere abstechen könnten. Menschen, die dabei selbst den eigenen Tod in Kauf nehmen, weil sie innerlich schon tot sind. Für die es keinen Unterschied macht, ob sie noch auf der Erde umherlaufen oder unter ihr verrotten. Die Mörder von morgen, ermordet vom Kapitalismus und einer kranken Gesellschaft. Wer ist Täter, wer ist Opfer? [...]