9live & Co: Logik, Glück oder Betrug?
Seit dem Ende der 0190er-Rufnummern, die vor allem zu unseriösen, zwielichtigen und auch kriminellen Zwecken genutzt wurden, haben sich die Medien für vermeintliche Gewinnspiele die Voting Calls ausgesucht, welche mit der Vorwahl 01379 beginnen. Pro Anruf entstehen dem Anrufer dabei 0,49 Euro Kosten. Inzwischen betreiben vor allem die meisten privaten TV-Sender ordentlich Schindluder mit diesen Rufnummern, allen voran der so genannten “Mitmach- Sender” 9live, von Stefan Raab auch gerne als “Scheisse hoch neun” bezeichnet. Letztere Bezeichnung trifft es eigentlich besser. Denn gegen die Rätsel und anderen Gewinnspiele, die 9live auf die Zuschauer losläßt, ist sogar noch jeder Hütchenspieler an der Straßenecke hochseriös. So kommt es zum Beispiel, dass bei 9live 11 + 1 nicht 12 ergibt, sondern 14. Wie das geht? Nun, dazu werden die beiden 1 der 11 addiert, der 11 draufgeschlagen und dann die 1 hinter dem Pluszeichen addiert. So lassen sich die PISA-Ergebnisse natürlich auch erklären. Der richtige Lösungweg der Rätsel ist bei 9live meist ebenso undurchsichtig wie willkürlich. Und was einen Tag zuvopr noch galt, ist am nächsten Tag schon wieder falsch. So kann 9live nicht nur weitgehend willkürlich festlegen, wann jemand ins Studio durchgestellt wird, sondern auch, ob seine Lösung richtig ist oder nicht.
Die schmutzigen Tricks von 9live wurden schon mehrfach kritisiert, zum Beispiel die Leitungslüge. Das Kamerafutter von 9live glänzt übrigens durch ein Verhalten, das sich ungefähr irgendwo auf dem Niveau seiner Zuschauer bewegt. Da geben auch ein paar Ochsen schon einmal Milch. Sinnlose Countdowns für nichts, mit denen auch die letzten Couch Potatoes dazu animiert werden sollen, 9live über die Telefonrechnung ihre Kohle in den Rachen zu schmeissen, sind da eh ebenso alltäglicher schmuddeliger Standard. Da fällt es schon gar nicht mehr auf, wenn sich das Moderateusen- Blondchen mal eben um lumpige Tausend Euro verzählt, nicht wahr? Aber das ist nur die Spitze des Eisberges. Einfach mal bei Google, Wikipedia, Youtube oder MyVideo nach 9live suchen und anschauen, lesen, kotzen.
Nun könnte es einem ja eigentlich egal sein, wenn irgendwelche Leute ein paar Mal bei 9live anrufen und dadurch ein paar Euro verlieren. Irgendwann sollte der Lerneffekt einsetzen, dass bei den von 9live veranstalteten Gewinnspielen vorrangig einer gewinnt: der Sender 9live. Die Gewinnsummen bei einfachen Fragen sind mit wenige Hundert Euro extrem niedrig, während 9live in der gleichen Zeit ein Vielfaches des Gewinns von seinen leichtgläubigen Anrufern kassiert. Besonders problematisch sind Anrufer, die teils täglich Hunderte Male bei 9live anrufen und sowas wie Suchtverhalten zeigen:
Für einige Zuschauer, meist in problematischen Lebenssituationen und ohne Hintergrundwissen, sind solche Spielshows zu einer Form von Sucht geworden. Auch Kinder und Jugendliche sind betroffen, die zwar nicht teilnehmen dürfen, deren Anrufe aber durchaus gewollt mit abkassiert werden.
Die Zielgruppe ist meist eher ungebildet, naiv und befindet sich in einer prekären Lebenssituation, z.B. Arbeitslose, Rentner, Ruheständler, Witwen / Witwer und Berufsunfähige / Behinderte, denen die falschen Versprechungen von Abzockern wie 9live wie ein Strohhalm erscheinen, den sie ergreifen. So treiben sie zu allem Unglück ihre eigene Telefonrechnung in die Höhe und verschulden sich dabei gar bis über beide Ohren. Besonders verwerflich ist es meiner Meinung nach, dass sich Unternehmen wie 9live auf Kosten der Verzweifelten, Gescheiterten, Schwachen und Schwächsten maßlos bereichern und vor allem auch kein Schutz gegen Anrufe von Minderjährigen besteht. 9live interessiert das nicht. Schließlich müssen die bis zu 6 Millionen möglichen Anrufe pro Stunde verarbeitet und vor allem abkassiert werden. Dies sind Zahlen wie sie beispielsweise die Firma digame für seine Voting-Dienstleistungen angibt.
Es gibt auch noch weitere Kritikpunkte am Geschäftsmodell von 9live und dem Verhalten der 9live-Moderatoren. So gab es beispielsweise einen Fall, wo ein Auto ausgelost wurde und ein Anrufer die Box mit der Nummer 15 ausgewählt hatte. Vorher versuchte der Moderator ihm noch Plunder wie Kamera, Handy oder Navigationsgerät im Tausch gegen die Box anzudrehen, was der Anrufer ablehnte. Der Moderator öffnete daraufhin die Box und schaute dann zur Seite - wahrscheinlich zu einer Person dort oder auf eine Tafel mit Regie-Anweisungen. Er verzog dabei das Gesicht als müßte er das Auto aus seiner eigenen Tasche bezahlen. Der Moderator wurde recht ungehalten und pampte die Kameraleute an, sie sollten noch einmal einen Schwenk auf das Auto machen. Dabei drückte er die Box mit der offenen Seite an seinen Oberkörper. “Überraschenderweise” zog der Moderator nach dem Schwenk gelassen eine Karte mit der Aufschrift “Handy” aus der Box und präsentierte sie dem Anrufer. Das ist ungefähr so als würde ein Hütchenspieler auf der Straße seinem Mitspieler von einem Komplizen am Ende seines Spielchens die Augen zuhalten lassen, während er selbst die Kugel verschiebt oder verschwinden läßt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Karte in der Box möglicherweise doppelseitig bedruckt war und so mit einem einfachen Dreh aus dem Auto ein Handy wurde und bei einer Auflösung später aus einem Handy wieder ein Auto. Ebenso wahrscheinlich wäre ein Austausch der Karte während des Kameraschwenks, wobei die andere Karte beispielsweise unter dem Tisch oder unter dem Jacket des Moderators hervor gezaubert wurde. Einen Hütchenspieler würde man für so ein Verhalten als Betrüger bezeichnen, verurteilen und einknasten. 9live hingegen ist weiter unbehelligt auf Sendung und macht Millionengewinne auf Kosten naiver Anrufe, die sich mit ihren unzähligen Anrufen, zu denen die Moderatoren anstacheln, gar in den Ruin stürzen.
Nun könnte man meinen, 9live wäre eine Ausnahme- Erscheinung und wer sich das Gebrabbel der Moderatoren und Moderatorinnen, die wahrscheinlich gleich vom Straßenstrich neben der Schauspielschule aufgegabelt wurden, länger als 3 Minuten ahören kann, ohne Hirnschwund zu bekommen, dem sei eh nicht mehr zu helfen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr beteiligen sich immer mehr Privatsender des Nachts an der Abzocke derer, die am nächsten Morgen nicht früh aufstehen müssen. Bei Sat1 hyperventilieren und springen die Moderatoren-Äffchen bei der “Quiz Night” herum, der nach gut einer Stunde einer Stunde die Astro-Show “Frag soch die Sterne” mit dem gleichen Geschäftsmodell - Abzocke via 01379-Rufnummer - folgt. Weiter geht’s dann beim Frühstücksfernsehen mit Spielchen á la “SuperZoom” oder albernem Lieder-Raten wie zu Weihnachten. Bei Pro 7 schwallt man die Zuschauer aus einem vermeintlich exklusiven “Night Loft” zu und auch RTL war mal mit einem Nachtquiz dabei, hat dieses aber offenbar mittlerweile eingestellt. Dafür spult man nach 3.00 Uhr Wiederholungen des RTL Shops ab, wo den Leuten billiger China-Ramsch und vermeintliche Wundermittelchen für teueres Geld in Marktschreier-Manier angedreht werden sollen.
Eines haben 9live und all die anderen Sendungen gemeinsam: Für den Sender springt ganz nach Lotterie-Prinzip jedes Mal ein Vielfaches dessen heraus, was als Gewinn ausgelobt wird. Die Preise sind regelmäßig im Wert von wenigen Hundert bis maximal wenigen Tausend Euro, mit einem Jackpot, der auf Grund der Fragestellung erst dann gelöst wird, wenn der Sender es will, soll die Leute noch mehr zum Anrufen animieren. Schon alleine 10.000 Anrufer bescheren einen Umsatz von knapp 5.000 Euro, während zum Beispiel 500-1.000 Euro an den “Gewinner” gehen. Von dem Überschuss gehen ein paar Prozent an den technischen Dienstleister, den Rest steckt sich der TV-Sender ein.
Ich denke, so langsam wird es Zeit für Verbraucherschutz und möglicherweise auch für gesetzliche Beschränkungen bei der Abzocke mit 01379- Rufnummern. So sollte es beispielsweise möglich sein, diese Rufnummern-Gosse-Gasse bei jedem Fest- und Mobilnetz- Provider kostenfrei sperren zu lassen. Außerdem müßte verhindert werden, dass Kinder und Jugendliche bei diesen Spielchen mitmachen. Dies wäre beispielsweise mit einer vorgeschalteten Registrierung möglich. Ebenso könnte wie bei den 0190 / 0900- Rufnummern nach dem Anwählen eine kostenfreie Ansage kommen, die auf die Kosten hinweist und bestätigt werden muss. Nicht zuletzt könnten gesetzlich mehr Transparenz bei den Teilnahmebedingungen und der Information über Anzahl der Leitungen festgeschrieben werden. Bei den endlosen Betrügereien mit 0190er- Rufnummern und da insbesondere mit Dialern ist es ja mittlerweile weitgehend gelungen, dem halblegalen bis kriminellen Treiben ein Ende zu setzen. Damit sollte man nun auch bei dem Missbrauch der 01379er-Rufnummern beginnen.
Solange gilt: Sich lieber die Hand abschlagen als bei 9Live anrufen!
Weitere Artikel / Infos über 9live:


am 21. Januar 2007 um 21:20:26 Uhr.
[...] Oliver Kalkofe hatte sich zum Jahreswechsel bei Spiegel Online auch schon mit dem Schund im TV befasst, darunter auch diese ganzen “tollen” Quizsendungen via 01379-Rufnummer, bei denen vor allem TV-Sender wie 9Live gewinnen: [...]
am 25. Januar 2007 um 19:43:21 Uhr.
[...] Weitere interessante Links zu den Maschen von 9Live findest du im JOBlog, auf Perspektive2010, bei Dirk Ploss und auch beiTobias Haase. [...]