Deutschland ist spitze!

Nein, hier kommen jetzt keine Jubelarien über Wachstum, Fussball oder ähnlichen Kokolores. Laut einer UNICEF-Studie ist Deutschland spitze bei der Zahl der rauchenden Kinder und Jugendlichen. Das könnte natürlich damit zusammenhängen, dass in unserem Lande die Tabak-Lobby sehr stark ist, so dass Jugendliche in Kinos und Printmedien noch immer damit bequatscht werden, dass Rauchen ja so toll sei, Rauchen sexy und cool mache und Sex sowieso nicht gut gewesen sein kann ohne die Zigarette danach. Vielen Dank dafür an all jene Politiker in den Parlamenten, die ein Nebenjob- Salär von einem Unternehmen der Tabakindustrie oder einer Lobbyorganisation derselben beziehen. Der deutsche “Einfluß” bei der europäischen Politik zum Nichtraucherschutz ist jedenfalls deutlich spürbar.

Einen weiteren Spitzenplatz teilt sich Deutschland mit Großbritannien: Deutsche Kinder und Jugendliche trinken am meisten Alkohol. Mehr als die Hälfte der Kinder beklagte zudem, dass die Eltern kaum Zeit für eine Unterhaltung mit ihnen hätten. Ein Drittel zweifelte daran, noch eine qualifizierte Arbeit zu finden. Ich halte die Ergebnisse dieser UNICEF- Studie für noch alarmierender als die Ergebnisse der PISA-Studie, denn sie liefern teilweise den Grund für das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei PISA: Perspektivlosigkeit, Konsum von legalen Suchtmitteln wie Alkohol und Nikotin sowie das Fehlen der Eltern. Die Kinder und Jugendlichen werden von ihren Erzeugern, denen sie oftmals nur zur Vervollständigung eines Ideals von Familie und früher als weiteren Förderungsbonus bei der Eigenheimzulage dienten, ebenso alleine gelassen wie vom Staat, der bei der Bildung immer weiter spart und sich um die beruflichen Perspektiven einen feuchten Dreck schert - siehe Studiengebühren und die bis heute fehlende Ausbildungsplatzabgabe trotz massiven Mangels an Ausbildungsplätzen. Nicht zu vergessen jene Kinder, die bei ihren Eltern verwahrlosen und in letzter Instanz dann tot aus Kinderzimmern oder Kühlschränken geborgen werden. Die Betroffenen spüren, dass sie von allen im Stich gelassen werden und konsumieren daher wahllos Drogen, wobei Nikotin und Alkohol oftmals nur die Spitze des Eisbergs sind. Mit Marihuana verschaffen sie sich “Entspannung” und einen leeren Kopf, mit synthetischen Drogen putschen sie sich bei Parties und anderen Veranstaltungen.

Ich würde heute nicht mehr Kind oder Jugendlicher in Deutschland sein wollen. In einem Land, wo die Kinder ihre Eltern nur noch zum Abendessen und vielleicht zum Frühstück sehen und sich das eigentliche Familienleben aufs Wochenende beschränkt. Wo beide Elternteile arbeiten gehen müssen, um einen bescheidenen Wohlstand zu erhalten und zugleich der Wirtschaft Arbeitskraft bieten zu können, deren Kosten zumindest bei Einbeziehung der Produktivität irgendwie mit China & Co. konkurrieren kann, damit sie nicht arbeitslos werden und vollends den Boden unter den Füßen verlieren. Die Kinder sind auf sich selbst gestellt und sehen sich heutzutage zudem mit einem enormen Leistungsdruck in den Schulen konfrontiert. Sie wissen, dass es in der heutigen Gesellschaft nur noch “Hopp” oder “Topp” gibt, Sieger oder Verlierer, dazwischen nichts mehr. Daraus entstehen massive Versagensängste, die mit Alkohol, Nikotin und zunehmender Gewalt unter Jugendlichen kompensiert werden.

Es ist wenig erstaunlich, wenn die UNICEF-Studie daher deutschen Kindern und Jugendlichen im europäischen Vergleich nur eine durchschnittliche Lage bei materieller Situation, Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen, Lebensweise, Risiken und Selbsteinschätzung bescheinigt. Diejenigen Länder hingegen, die bei den Chancen für ihre Jugend spitze sind, sind die gleichen, die auch bei PISA schon führend waren: die skandinavischen Länder Schweden, Dänemark und Finnland, gleich hinter den Niederlanden als Spitzenreiter. Es ist somit nur logisch, die Ergebnisse der PISA-Studie und der aktuellen UNICEF-Studie zueiander in Beziehung zu setzen. Denn offenbar bedingt eine schlechtere soziale Lebenssituation der Jugend mehr oder weniger direkt schlechtere schulische Leistungen. Folgerichtig fordert UNICEF-Geschäftsführer Dietrich Garlichs den Ausbau von Ganztagsschulen, um Kindern und Jugendlichen auch außerhalb der Familie ein stabiles Umfeld zu schaffen. Denn ganz offensichtlich gelingt dies in den Doppelverdiener- und Teilzeit- Familien nicht mehr im benötigten Umfang, so dass die Schulen und andere Einrichtungen diese Rolle zumindest teilweise auch übernehmen müssen. Die Alternative wäre, unsere Jugend weiter im Stich zu lassen.

Aber wir wären nicht in Deutschland, wenn gute Vorschläge und Konzepte dort nicht im parteipolitischen Hickhack bei der Sicherung der Pfründe für verschiedene Lobbys demontiert würden. Denn kaum fordert Ursula von der Leyen (CDU), die von mir bislang vorrangig mit Kritik bedacht worden war, dass die Krippenplätze rasch ausgebaut werden, erntet sie Kritik vom neoliberalen Gesindel ihrer Partei. Die geforderte Verdreifachung der Krippenplätze auf 750.000 bis 2013 würde immerhin drei Milliarden Euro zusätzlich kosten. Deshalb wurden schnell Teufel von Schuldenbergen, auf denen Kinder nicht spielen könnten, an die Wand gemalt und besonders Steffen Kampeter (CDU) entpuppte sich als erstklassiger Neoliberaler:

Kampeter vertrat im “Rheinischen Merkur” die Auffassung, die größte familienpolitische Leistung sei es, die Staatsausgaben zu senken. “Auf Schuldenbergen können keine Kinder spielen.”

Diese Äußerung ist der größte Schwachsinn überhaupt. Kampeter sollte nicht vergessen, dass es sich bei Deutschland um ein eher ressourcenarmes Land handelt und es daher die moralische und auch ökonomisch sinnvolle Pflicht ist, aus jedem Kind und Jugendlichen das bestmögliche zu machen, was im Rahmen ihrer intellektuellen Fähigkeiten liegt. Genau das ist nämlich das Erfolgsgeheimnis in den skandinavischen Ländern. Wer heute einen Euro bei der Jugend und der Bildung spart, muss morgen ein Vielfaches davon für Sozialleistungen und Justiz inklusive Strafvollzug ausgeben. Hätte man in der jüngeren Vergangenheit nicht den Spitzensteuersatz immer wieder gesenkt und der Wirtschaft Steuererleichterungen in den gierigen Schlund gestopft, gäbe es gar kein so großes Defizit bei den Staatsausgaben. Angemessene Erbschafts- und Vermögenssteuern hätten weitere finanzielle Spielräume geschaffen.

Kampeters Kritik an von der Leyens Vorschlag entbehrt somit jeglicher Grundlage und ist mitel- wie auch langfristig eher schädlich für die Zukunft unserer Gesellschaft und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Lanbdes. Vielmehr sind noch weitere Maßnahmen nötig wie beispielsweise der Ausbau der Ganztagsschulen, der Aufbau eines psycho-sozial unterstützend eingreifenden Netzwerkes in Problemfamilien, der freie Zugang zum Studium ohne soziale Barrieren wie Studiengebühren, die angemessene, elternunabhängige Förderung des Studiums als “Vollzeitjob” statt auf Höhe des Existenzminimums sowie nicht zuletzt die Ausübung von massivem Druck auf die Wirtschaft zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze. Fürwahr eine Agenda, die mit einer von Lobbyisten durchtränkten Partei wie der CDU/CSU so nicht zu machen ist. Spätestens seit dem Einschreiten von Angela Merkel & Co. bei den CO2-Grenzwerten der EU für die Autoindustrie sollte klar sein, wer in der CDU/CSU das Sagen hat. Die Vernunft ist es nicht.

Wenn Mike Mohring, Generalsekretär der CDU Thüringen, meint, dass “die Vorstöße der Ministerin könnten die Stammwählerschaft verschrecken” könnten, so hat er leider Recht. Denn die “Stammwählerschaft” der CDU/CSU hält in der Tat nicht viel von Chancengleichheit und einer solidarischen, zukunftsfähigen Gesellschaft. Da hält man lieber an einer “Elite” nach Herkunft von Gottes bzw. Erbes Gnaden fest, anstatt wirkliche Leistungseliten und den Wettbewerb der Hirne zu fördern. Da will man lieber die gesellschaftlichen Verhältnisse weiter zementieren anstatt die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft zu erhöhen. Und vor allem will man keine Belastungen derer, die von den heutigen Zuständen in unserer Gesellschaft profitieren. Nicht umsonst befindet sich die Erbschaftssteuer im globalen Vergleich auf geradezu lächerlichem Niveau und eine Vermögenssteuer wurde vom Bundesverfassungsgericht unter Paul Kirchhof, der heute als INSM-Botschafter tätig ist und von Angela Merkel im Wahlkampf 2005 als “Finanzexperte” und potentieller Finanzminister präsentiert wurde, erfolgreich verhindert. Nur die Bildung der Großen Koalition hat letztlich verhindert, dass ein lupenreiner Lobbyist einen Ministerposten ergattert.

Kurzum, solange in unserem Land Nebenjob-Arbeitgeber von Politikern, Lobbyisten und deren Partkularinteressen die Politik bestimmen, braucht man auf keinem Gebiet auf die Umsetzung von vernünftigen Konzepten hoffen, solange die großen Korrupti- Volksparteien das Sagen haben. Neonazis sind ohnehin nicht wählbar und würden Freiheit und Demokratie abschaffen. Einzig die Linkspartei bliebe noch als Alternative. Diese müßte meiner Meinung nach aber mit einer Partei koalieren können, die Liberalismus noch als die Freiheit der Menschen und Chancengleichheit vertritt, anstatt nur als Freiheit des Kapitals oder der Pornografie.

Es bleibt als letzte Option die Abstimmung mit den Füßen, indem man auswandert. Dann werden sich zwar ebenso die Politiker über sinkende Steuereinnahmen und Geburtenraten beschweren wie die Wirtschaft sich dann über Mangel an Nachwuchs und Fachkräften beklagen wird, aber das braucht diejenigen, die diesem Land den Rücken kehren, auch nicht zu interessieren. Die meisten haben lange genug gezögert und noch auf vernünftige, positive Reformen gehofft, aber man will sich ja nicht bis ans Ende seiner Tage von überbezahlten Politikdarstellern veräppeln lassen, die mindestens so käuflich sind wie drogenabhängige Prostituierte.

Update: Bei n-tv.de folgt man in einem weiteren Artikel weitgehend meiner Kritik und meinen Vorschlägen: “Ohne solche Angebote wird in unserer Gesellschaft auf Dauer das Sozialkapital, das ebenso wichtig ist wie das ökonomische Kapital, knapp werden.”

Ein Kommentar zu “Deutschland ist spitze!”

  1. dailycomment - Der Kommentar zum Tag » Blog Archive » Deutschlands arme Kinder

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