Flucht aus dem Armenhaus

Wer bei dem obigen Titel an zusammenfallende Ostblockstaaten oder Afrika denkt, der liegt komplett daneben. Deutschland ist gemeint in einem Artikel des Schweizer Blicks mit genau dieser Headline: Flucht aus dem Armenhaus. Kern des Artikels ist eine massive Kritik an der deutschen Lohnpolitik in den vergangenen Jahren:

Seit inzwischen zehn Jahren tut sich in Deutschland punkto Reallohn gar nichts mehr. Die Kaufkraft der Löhne ist in dieser Zeit um 5,1 Prozent gesunken. Das ist einmalig in der Nachkriegsgeschichte. In den Jahren zuvor waren auch in Deutschland jährliche Reallohnsteigerungen von 1 bis 3 Prozent üblich.

Vor allem bei der Beleuchtung der Ursache für dieses Übel wird man sehr konkret:

Das Stichwort heisst «Lohnzurückhaltung». Deutschland war Mitte der Neunzigerjahre mit einem hohen DM-Kurs in den Euro eingestiegen und hat versucht, seine Konkurrenzfähigkeit zu verbessern. Das ist geglückt: Deutschlands Lohnkosten sind im Vergleich zur Konkurrenz um 15 bis 30 Prozent gesunken. 2006 wurde ein Exportüberschuss von 162 Milliarden Euro erzielt. China, das andere grosse Billiglohnland brachte es bloss auf 135 Milliarden Euro Überschuss.

Nur zum richtigen Verständnis: Die Konzerne und Unternehmen jammern und jammern, dabei erzielte Deutschland einen höheren Exportüberschuss als China, dessen Leistungsfähigkeit vor allem auf fehlendem Arbeitsschutz, hemmungsloser Verpestung der Umwelt und einem menschenverachtenden politischen Systems zurückzuführen ist. Und die Politik glaubt das Gejammer und zündet eine Subventions- und Steuererleichterungs-Rakete nach der anderen für die deutsche Wirtschaft.

Absolut ungeschminkt wird auch darauf verwiesen, dass der Hebel des Lohndumpings bei der Kürzung des Arbeitslosengeldes im Rahmen von Hartz IV liegt:

Symbol und Kernstück der Politik der Lohnzurückhaltung ist die drastische Kürzung des Arbeitslosengeldes: Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit sinkt es für Alleinstehende auf 345 Euro plus 318 Euro Wohngeld. Doch auch diese Mini-Leistungen (rund 1100 Franken monatlich) werden erst gewährt, wenn das eigene Vermögen (falls vorhanden) aufgebraucht ist. Dieser «Stachel der Armut» macht auch Hungerlöhne von weniger als 6 Euro attraktiv.

Das eigentliche Drama spielt sich deshalb am unteren Ende der Lohnskala ab. Dort sind die Löhne regelrecht eingebrochen. Das betrifft nicht nur die Krisenbranchen, sondern generell die Leute, die aus der Ausbildung oder aus der Arbeitslosigkeit in das Berufsleben einsteigen. Für diese rund 10 Millionen Arbeitssuchenden sind die Lohnaussichten inzwischen so mies, dass die Schweiz geradezu als Paradies erscheint.

Selbstverständlich beobachtet man in der  Schweiz und in anderen europäischen Nachbarländern die massive Zuwanderung deutscher Arbeitnehmer mit Argwohn, könnten sie doch auch in diesen Ländern die Löhne nach unten drücken, da sie Löhne akzeptieren, die für sie im Gegensatz zu den Löhnen in der deutschen Wirtschaft zwar paradiesisch erscheinen, aber eben nicht den sonst üblichen Löhnen entsprechen. Doch Änderung ist nicht in Sicht:

Vor diesem Hintergrund stellt sich die bange Frage, ob Deutschland seine Billiglohnpolitik weiterführen wird. Die Hoffnungen sind leider gering: Erstens gibt es kaum Anzeichen dafür, dass der exportgetriebene Aufschwung in Deutschland zu einem selbst tragenden Boom ausweitetet. Dazu sind die privaten Konsumausgaben viel zu schwach. Daran dürfte sich auch in Zukunft nicht viel ändern. So hat etwa das in Deutschland angesehene Institut für Weltwirtschaft in Kiel diese Woche dringend für eine erneute Nullrunde bei den Löhnen – somit also für einen Rückgang der Reallöhne um rund 2 Prozent – plädiert. Dass die Renten nicht erhöht – also real um 2 Prozent gesenkt werden – ist bereits beschlossene Sache. Und schliesslich bremst auch die Europäische Zentralbank. Ihr Präsident Jean-Claude Trichet hat kürzlich offen mit einer Zinserhöhung gedroht, falls Deutschlands Löhne zu stark steigen sollten. 

So bleibt dann am Ende des Artikels nur ein Fazit übrig,  zu dem auch immer mehr junge Deutsche für sich kommen:

Deutschland wird wohl noch lange Zeit ein Auswanderungsland bleiben.

Gute Nacht, Deutschland! Der letzte macht das Licht aus…

3 Kommentare zu “Flucht aus dem Armenhaus”

  1. Warum kam Karl Marx aus Deutschland? « Sozialliberal

    [...] kam Karl Marx aus Deutschland? Perspektive 2010 hat einen Artikel des Schweizer Magazins “Blick” ausfindig gemacht, der den [...]

  2. Perspektive 2010 » Blog Archive » Die Steuer- und Spar-Schizophrenie

    [...] Schwachen und Schwächsten eine beispiellose Lohndrückerei ermöglicht, dass selbst mancher europäische Nachbar sauer auf diese deutsche Arschkriecherei bei der Wirtschaft ist. Im Jahr 2006 hatte Deutschland [...]

  3. Perspektive 2010 » Blog Archive » Deutschland mal wieder Weltmeister

    [...] nicht beim Fußball, auch nicht beim Export, sondern beim Lohndumping. Nicht nur die Schweiz fordert von Deutschland ein Ende des Lohndumpings, auch andere EU-Länder schauen mit Argwohn [...]


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