Warum Ulrich Wickert Recht hat
Ulrich Wickert sprach sich kürzlich in der BILD am Sonntag dafür aus, Kinder so früh wie möglich in geordnete Erziehungssysteme zu geben:
“Ich bin überzeugt davon, dass der Staat Kinder besser erziehen kann, als es die Eltern können”, sagte der ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert der “Bild am Sonntag”. Sicherlich würden bürgerliche Eltern glauben, sie würden besser erziehen als der Staat. Aber die machten nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung aus. Er finde das französische System richtig, Kinder so früh wie möglich in ein geordnetes Erziehungssystem zu geben. Wickert spricht sich dafür aus, Schulen und Kindergärten ganztags zu betreiben. Ganztagsschulen sollten Pflicht werden, dabei solle man keine Wahlmöglichkeiten lassen.
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass nicht “der Staat” Kinder besser erziehen kann, wohl aber vom Staat finanzierte Einrichtungen, in denen Fachkräfte wie Pädagogen, Erzieher und Entwicklungspsychologen sich um die Kinder kümmern, sich mit ihnen auseinandersetzen und die Kinder altersgerecht fördern. All das können die meisten Eltern nicht leisten, sofern man sie nicht vor der Elternschaft gezielt dazu befähigt, Stichwort Eltern-Führerschein. Man muss sich dazu einfach mal vor Augen führen, wie Familien oftmals entstehen: Ein Mann und eine Frau begegnen sich, verlieben sich, leben mehr oder weniger lange zusammen und irgendwann - sei es absichtlich oder aus Versehen - kommt es beim Sex zu einer Schwangerschaft mit anschließender Geburt. Zwar gibt es diverse Vorsorgeuntersuchungen und einige Informationsangebote, letztere werden aber meist vor allem von denen, die sie am ehesten nötig hätten, nicht in Anspruch genommen. So kommt also mit der Geburt ein Kind in diese Welt und fortan muss das Paar sich nicht nur um seine materielle Existenz und seine Partnerschaft kümmern, sondern auch noch um die Belange seines Nachwuchses. Dabei mag es anfangs genügen, die rein physischen Bedürfnisse wie Nahrung, Schlaf, Wärme etc. zu befriedigen, aber schon früh muss auch eine Förderung durch entsprechende Reize von außen erfolgen, beispielsweise durch spielerische Übungen für Körper und Geist. Denn gerade in dieser frühen Phase erfolgt die neuronale Vernetzung im Gehirn, die ganz wesentlich darüber entscheidet, ob ein Kind später im Laufe seiner (schulischen) Ausbildung die intellektuellen Fähigkeiten eines scharfen Denkers oder eher die eines tumben Trottels entwickeln kann.
Nicht zu vergessen ist dabei, dass jeder Elternteil seine eigene Erziehungsgeschichte mit sich trägt, die wiederum von seinen Eltern und seinem Umfeld geprägt ist. Und diese waren natürlich auch nicht auf ihre Elternschaft vorbereitet, so dass meist diverse tiefgreifende Dinge falsch gelaufen sind, wo sich die jungen Eltern nun schwören “alles anders” zu machen, meist einfach das Gegenteil. Sie merken dabei nicht, dass die auf diesem Wege nicht unbedingt das Beste für das Kind tun, sondern eher mit ihren eigenen Laien-Eltern abrechnen und ihre mehr oder weniger stark verkorkste Kindheit und Jugend verarbeiten.
Angesichts der Tatsache, dass heute oftmals beide Elternteile arbeiten müssen, kommen Eltern immer seltener jenen Aufgaben nach, die noch vor 20 oder 30 Jahren ihre klassischen Aufgaben waren. Dazu gehört auch, eine gewisse emotionale Stabilität zu bieten, jederzeit Ansprechpartner für seine Kinder zu sein und ihnen vor allem auch vorzuleben, was man von seinen Kindern erwartet. So ist es beispielsweise aussichtslos, seinen Kindern etwas von Gewaltlosigkeit zu erzählen, wenn der Vater abends im Suff die Mutter verprügelt. Dies ist zwar ein extremes Beispiel, aber in so ziemlich allen Lebensbereichen gilt: Man wird von seinen Kindern nicht erfolgreich einfordern und ihnen vermitteln können, was man ihnen selbst nicht vorlebt. Genau da ist ein großes Manko der vielen Doppelverdiener-Haushalte, wo die Kinder nach der Schule in der Regel vor PC, TV oder Spielkonsole versauern, wenn sie nicht gar noch vor lauter Langeweile auf die Idee kommen, in Cliquen durch die Stadt zu ziehen und dabei zu randalieren oder zu prügeln, weil sie niemanden haben, der ihnen Halt und Orientierung bietet. Moderne Familien sind eigentlich mehr zu Wohngemeinschaften verkommen, in denen man mehr nebeneinander als miteinander lebt. Während die Eltern im Beruf eingespannt und abends ausgepowert sind, weil sie den Kredit fürs Häuschen abstottern müssen, ist ihr Nachwuchs nur allzu oft mit den großen und kleinen Nöten der Jugend und des Erwachsenwerdens auf sich alleine gestellt.
Kurzum, die Familien und da insbesondere die Eltern sind, bedingt durch die wirtschaftlich optimierte Ausbeutung ihrere Qualifikation und Arbeitskraft, als Erzieher und Ansprechpartner immer weiter in den Hintergrund getreten und hinterlassen eine Lücke, die vielfach erst dann sichtbar wird, wenn bei den Kindern Handlungen und Tendenzen der Verwahrlosung oder Verwöhn-Verwahrlosung erkennbar werden. Denn das, was viele Doppelverdiener- Eltern an Zeit, Aufmerksamkeit oder Zuwendung nicht mehr leisten können, kompensieren sie nicht selten mit materiellen Zuwendungen: das neueste Handy, die schickeste Spielkonsole und dergleichen. Das schlechte Gewissen will ja schließlich beruhigt sein. Aber schauen wir uns einmal an, was Verwahrlosung eigentlich bedeutet:
Eine Person gilt als verwahrlost, wenn sie die Erwartungen, die die Gesellschaft an sie stellt, nicht oder nicht mehr erfüllt.
Zieht man diese Definition aus der Wikipedia heran, so sind eigentlich nicht nur die Kinder und Jugendlichen heute verwahrlost, sondern auch die Eltern - faktisch die ganzen Familien. Denn die Eltern kommen der gesellschaftlichen Erwartung, dass sie sich angemessen um ihre Kinder kümmern, nicht mehr nach. Das ist ein Preis für die optimale Ausbeutung des Humankapitals im Namen der heiligen Götzen des menschenfeindlichen Neoliberalismus: Wirtschaft, Wachstum und Rendite.
Nun ist die Frage, wie man dieser Entwicklung begegnen soll. Der beste Schritt wäre natürlich, den neoliberalen Ausbeutern und ihren Propaganda-Äffchen an zahlreichen so genannten Wirtschaftsforschungsinstituten endlich Grenzen zu setzen, indem man widerspricht und deren immer gierigeren Forderungen zurückweist. Denn die Wirtschaft hat für die Menschen da zu sein und nicht die Menschen ausschließlich für die Wirtschaft. Solange die Polit-Marionetten der großen Korruption Koalition aber weiter damit beschäftigt sind, den Konzernlenkern und neoliberalen Rendite-Empfängern jeden Wunsch von den Augen abzulesen, muss man anderweitig reagieren. Daher halte ich die Forderung von Ulrich Wickert nach mehr Ganztagskindergärten und -schulen für vollkommen richtig. Wenn da kirchliche Vertreter aufheulen, dass die Kinder dadurch von ihren Eltern entfremdet würden, so beweisen sie damit lediglich eine grandiose Realitätsferne. Denn genau dieser Prozess, die Entfremdung der Kinder von ihren Eltern, ist bereits seit langer Zeit im Gange und schon heute Realität. Genau deshalb ist es wichtig, die verbliebene Leere zu füllen. Andernfalls überläßt man die Kinder und Jugendlichen sich selbst - mit den bekannten Folgen: Gewalt, Verwahrlosung, Ängste, Konsum von Alkohol und Drogen. Darüber hinaus stärkt es die Chancengleichheit, wenn auch Kinder von Langzeitarbeitslosen lernen, dass sich Leistung und Motivation lohnen können, und das Leben auch noch andere Farben hat als das triste Grau und die tägliche Not in ihren Familien. Angesichts zahlreicher Alleinerziehender und Patchwork-Familien brauchen viele Kinder zudem auch Rollenvorbilder außerhalb der Familie und eine gewisse Stabilität und Struktur.
Fazit: Die Entfremdung der Kinder von ihren Eltern ist kaum noch aufzuhalten, geschweige denn umzukehren. Die entstandene Lücke muss ausgefüllt werden und da bieten vorrangig Ganztagskindergärten und-schulen gute Möglichkeiten der allgemeinen Verwahrlosung entgegenzuwirken - sofern sie denn ausreichend mit Personal und finanziellen Mitteln ausgestattet werden. Alternativ kann man natürlich weiter die Augen vor der Realität verschließen und ein Vielfaches dessen, was man für einen angemessenen Betrieb von Ganztagseinrichtungen leisten müßte, für Justiz, Gefängnisse und Therapeuten aufwenden. Leider herrscht aktuell in Deutschland und in der EU kein besonders soziales oder gar menschenfreundliches Klima, im Gegenteil. Es wird abzuwarten sein, wohin die Entwicklung geht und ob die Politiker sich immer weiter nur noch Konzernen und deren Aktionären verpflichtet fühlen, während die Menschen auf der Strecke bleiben. Es soll aber niemand behaupten, man hätte sie nicht vor den folgenden Fehlentwicklungen, die durchaus explosiv sein können, gewarnt.


am 27. März 2007 um 15:52:03 Uhr.
[...] der Aufklärung Das soziale Gefüge ist in Unordnung. Das kann man unschwer an Artikeln wie diesem oder auch einem meiner älteren Beiträge [...]