Aus struktureller Gewalt wird konkrete Gewalt

Ich hatte den Begriff der strukturellen Gewalt bereits mehrfach verwendet, heute will ich jedoch noch einmal die konkrete Definition dieses Begriffes vom norwegischen Friedensforscher Johan Galtung nachliefern, bevor ich zum eigentlichen Artikel komme:

“Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“.

Spätestens seit Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD?) damit begann, den als Agenda 2010 bezeichneten Wunschzettel der deutschen Wirtschaft umzusetzen, ist strukturelle Gewalt in Deutschland wieder sehr deutschlich spür- und erlebbar geworden. Es ist ganz gleich, ob in unserer Mitte Menschen verhungern oder Jugendliche unschuldige Bürger zur Erbeutung einiger Euro ins Koma prügeln. Oder ob man völlig sinnlos Zimmer in Wohnungen absperrt und Hilfsbedürftige mit Maßnahmen nach dem Schema “Kontrollieren und Strafenschikaniert. Diese strukturelle Gewalt, die Politik und Wirtschaft auf immer mehr Menschen ausüben, staut sich auf und irgendwann findet sie ein Ventil, durch das sie entweicht: Selbstmord, Amoklauf, Familientragödien, Bandengewalt, Vandalismus, um nur einige Beispiele zu nennen. Jedoch sind es heute nicht bloß Minderheiten, die diskriminiert, belastet, ja geradezu vergewaltigt werden. Es macht kaum einen Unterschied, ob Arbeitnehmer von Arbeitgebern dazu erpresst werden, für weniger Lohn länger zu arbeiten (mit der Entlassung als Alternative) oder Schnüffler der Arbeitsagenturen Hartz IV- Empfänger unangemeldet zu Hause belästigen als handele es sich um offenen Strafvollzug. Da war doch mal was mit so Dingen wie Menschenwürde, Unverletztlichkeit der Wohnung und ähnlichen Dingen – ich glaube, das hieß Grundgesetz. Was ist daraus geworden? Hängt das inzwischen im Bundestag als Klopapier auf den Rollen?

Die Menschen realisieren immer mehr, dass sie mit der Peitsche angetrieben werden und von oben ein Daumen auf sie drückt, der jederzeit dazu bereit ist, Einzelne zu zerdrücken, wenn sie nicht spuren. Genau das ist das Klima, das durch angeblich notwendige Reformen wie den Hartz-Gesetzen und den Gesundheitsreformen produziert wurde, ein übelst vergiftetes Klima in unserer Gesellschaft. Das ist die vielbeschworene “Freiheit”, die Neoliberale meinen, allen voran Propaganda-Agenturen wie die INSM. Man sieht es den Menschen an, dass sie vielfach die Faust in der Tasche ballen, die Zähne zusammenbeissen oder andere Ersatzhandlungen ausführen, um diesen von strukureller Gewalt erzeugten Druck kurzfristig zu mindern. Nun ist es aber nicht so, dass dieser Druck abnimmt, im Gegenteil, der Druck wird von Tag zu Tag größer. Was wird wohl passieren?

Probieren Sie es selbst aus, was passiert, wenn immer weiter Druck aufgebaut wird. Nehmen Sie beispielsweise eine defekte Glühbirne in eine mit dickem Arbeitshandschuh geschützte Hand. Halten Sie die Glühbirne in dieser Hand und erhöhen Sie fortwährend den Druck. Was passiert? Exakt, die Glühbirne zerspringt. Nehmen Sie als nächstes einen Luftballon und blasen Sie ihn ohne Rücksicht auf die Größe immer weiter auf. Was passiert? Irgendwann platzt der Ballon mit einem lauten Knall und fliegt Ihnen um die Ohren. Genau das ist es, was die wachsende strukturelle Gewalt mit den Menschen macht: entweder zerspringen sie wie eine Glühbirne oder sie explodieren wie der Ballon. Menschen wie der depressive und verhungerte Arbeitslose aus Speyer zerspringen. Sie ergeben sich in Apathie und Lethargie – im Zweifelsfall bis in den Tod, falls sie sich nicht schon vor dem Dahinsiechen zum Freitod entschließen. Andere Menschen explodieren eher. Sei es der Amokläufer von Erfurt oder sein Nachfolger in Emsdetten, sie ertragen den Druck über einen gewissen Zeitraum offenbar ruhig und unbeeindruckt, bevor es irgendwann so richtig knallt.

In Köln berichtete man dieser Tage über zwei solche Fälle, Zerbrechen und Explodieren:

  • Am vergangenen Montag wurde im Kölner Stadtteil Raderthal ein Ehepaar tot in seiner Wohnung aufgefunden. Das Ehepaar (51 u. 60 Jahre) wohnte in einem Mehrfamilienhaus der städtischen Obdachlosenhilfe. Die Leichen waren schon verwest als man sie auffand.
  • In Köln Sülz wurden hingegen die Leichen zweier Männer, offenbar Vater und Sohn, gefunden. Eine der Leichen war enthauptet. Experten gehen davon aus, dass der junge Mann (24 Jahre) erst seinen Vater (70 Jahre) mit Stichen in den Hals tötete, bevor er sich mit einer Kettensäge selbst enthauptete, indem er sich in die laufende Säge stürzte.

An solchen Fällen sehen wir exemplarisch eine weitere Wirkung der strukturellen Gewalt auf die Menschen: Ausgrenzung im ersten Fall, die Zerstörung familiärer Strukturen im zweiten Fall. Die Menschen werden kalt und hart, zu verstörten Einzelkämpfern als seien sie durch Kriegserlebnisse traumatisiert. Und sterben irgendwann in völliger Abgeschiedenheit und Einsamkeit, obwohl sie nicht mehr als wenige Zentimeter Wand vom Nachbarn trennen (Video, 15,3 MB, DIVX/AVI). So falsch ist der Vergleich mit dem Krieg gar nicht, denn es herrscht in der Tat Krieg: Krieg von oben nach unten. Die von den vergangenen und geplanten Reformen ausgehende strukturelle Gewalt kann man als einen Psycho-Krieg der herrschenden Kasten aus Wirtschaft und Politik gegen Millionen Menschen in diesem Land bezeichnen, die nach deren perfider Logik nicht mehr gebraucht werden. Das Ziel ist der Massenmord, ohne dass die ach so hohen Herren sich auch nur selbst einen Finger schmutzig machen müssen. Wie wir sehen, funktioniert diese Strategie.

Lernen wir also, die Mechanismen der strukturellen Gewalt in unserer Gesellschaft zu erkennen und schützen wir unwissende Dritte vor dieser nach Folter und Mobbing vielleicht menschenverachtendsten Form der Gewalt! Laßt Euch nicht zerbrechen, streut Sand in das Getriebe dieser Mechanismen und bringt dieses kranke System zu Fall:

Macht kaputt, was Euch kaputt macht!

Ihr habt das Recht dazu: Notwehr.

2 Kommentare zu “Aus struktureller Gewalt wird konkrete Gewalt”

  1. INSM-Regulierungsradar: Propaganda für mehr Demokratieabbau « INSM Watchblog

    [...] Tote gab es dabei auch schon, beispielsweise den verhungerten Arbeitslosen in Speyer oder zahlreiche Selbstmörder, die sich angesichts der Perspektivlosigkeit, welche sich insbesondere durch die [...]

  2. Perspektive 2010 » Blog Archive » Zitat des Tages

    [...] Gesprächen damit zugebracht hat, eines der ungezählten Opfer der hier alldurchwaltenden strukturellen Gewalt vom Selbstmord abzuhalten, wer auch nur einmal gesehen hat, wie aus einem verstandesbegabten [...]


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