Der Fall Madeleine

Ich weiß nicht, wie es meinen Lesern geht, aber ich bin jedenfalls von dem Medienhype rund um die verschwundene Madeleine genervt. Da verschwindet ein kleines Mädchen aus einer Ferienanlage in Portugal, während die Eltern beim Essen sind und beteuern, dass sie immer wieder nach ihren Kinder gesehen hätten. Soweit die Vorgeschichte, die wohl jedem bekannt ist. Täglich verschwinden weltweit zahlreiche Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Gründen. Die einen laufen vor ihren Eltern weg, andere werden entführt und wieder andere missbraucht und getötet. Noch viel mehr Kinder sterben weltweit täglich an Unterernährung und unbehandelten Krankheiten.

Es ist also noch angemessen, wenn über das Verschwinden von und die Suche nach Madeleine berichtet wird. Aber müssen deshalb die Eltern fast täglich in irgendwelchen Medien auftreten? Müssen deshalb zukünftig alle Eltern verschwundener Kinder zur Audienz beim Papst? Werden zukünftig für jedes verschwundene Kind Unsummen gespendet, damit die Eltern auf Medientour durch Europa gehen können? Kurzum, der Hype um diesen Fall geht mir auf die Nerven. Ebenso stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Eltern von Madeleine praktisch zu Popstars mutieren und uns täglich in den Medien begegnen müssen. Sollte das Mädchen entführt worden sein und noch leben, so könnte der Hype für exorbitant hohe Lösegeldforderungen sorgen. Da man bisher aber noch kein Lebenszeichen von Madeleine hat, muss man davon ausgehen, dass sie - auf welchem Wege auch immer - verschwunden und vielleicht schon tot ist. Möglicherweise hat sie das Bett alleine verlassen und ist in einen ungesicherten Kanalschacht oder an der Küste von einer Klippe gestürzt. Oder wir haben es mit einem Kinderhändler oder Kinderschänder zu tun, wo dann nicht klar ist, wo das Mädchen ist und ob es noch lebt. Tragisch, aber in erster Linie Privatsache der Eltern.

Die Empörung der Briten über die berechtigte Frage einer deutschen Reporterin, ob das Verhalten der Eltern, die den Medienrummel offensichtlich inzwischen ganz nett finden, nicht den Schluss zuläßt, dass die Eltern mehr mit dem Verschwinden von Madeleine zu tun haben könnten als diese sagen, ist daher unverständlich. Auf mich wirken die Eltern bei ihren Auftritten manchmal nämlich auch so, als würden sie etwas verschweigen. Warum man die Eltern von Ermittlungen verschonen muss, ist mir auch nicht ganz klar, denn es wären nicht die ersten Eltern, die den natürlichen oder selbstverschuldeten Tod ihres Kindes durch ein “plötzliches Verschwinden” oder eine angebliche Entführung zu vertuschen versuchen. Kurzum, etwas weniger Hysterie und Empörung, aber dafür etwas mehr Sachlichkeit und Privatheit dürfte dem Fall Madeleine sicher nicht schaden.

Ein Kommentar zu “Der Fall Madeleine”

  1. Perspektive 2010 » Blog Archive » Der Fall Madeleine (II)

    [...] Juni hatte ich bereits darüber berichtet, dass ich die britischen Eltern der in Portugal verschwundenen Madeleine und deren Verhalten [...]


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