Die ewige Mär vom Fachkräftemangel

Es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass das Geschehen in der Wirtschaft mehr oder weniger zyklisch verläuft. Da die Angestellten in der Regel das einzige sind, wo immer zuerst gespart und zuletzt investiert wird, kommt es alle paar Jahre zu einem angeblichen Fachkräftemangel. Denn dieser vermeintliche Fachkräftemangel ist vor allem hausgemacht. So wird beispielsweise derzeit schon wieder in der Wirtschaft herumgejammert, dass es angeblich zu wenige Ingenieure gäbe. Dies ist schlichtweg falsch. Angesichts des Umstands, dass derzeit ungefähr 30.000 Ingenieure arbeitslos gemeldet sind, sollte man schon einmal nachfragen, wo da der Mangel herkommen soll.

Nun, die arbeitslosen Ingenieure sind der Wirtschaft nicht gut genug. Vielleicht müßte man ein paar Hundert oder paar Tausend Euro in eine Weiterbildung / Spezialisierung investieren. Vielleicht müßte man auch mehr als 25.000 Euro Gehalt pro Jahr zahlen, wenn der Ingenieur bereits über 35 Jahre alt ist und über umfangreiche Erfahrung verfügt. Vielleicht ist er aber auch schon über 50 Jahre und der Wirtschaft zu alt und vor allem beim Gehalt zu anspruchsvoll. Kurzum, es geht um Rosinenpickerei und nichts anderes. Der für die Wirtschaft ideale Ingenieur ist vermutlich maximal 25 Jahre alt, in jeglicher Hinsicht auf dem neuesten Stand mit x Zusatzqualifikationen, verfügt über mindestens 5-10 Jahre Berufserfahrung und kostet nicht mehr als 20.000 Euro Gehalt pro Jahr. Oder er bringt am besten noch Geld und Kunden mit. Woran es also mangelt, das sind nicht generell Fachkräfte, sondern Fachkräfte, die den verwöhnten Ansprüchen der Wirtschaft entsprechen. Gut, billig, schnell einzustellen und problemlos zu kündigen - praktisch so etwas eine McFachkraft oder ein McIngenieur. Man könnte allerdings auch einfach zu ein wenig mehr Realismus im Arbeitgeberlager aufrufen, aber das wäre heutzutage wahrscheinlich Majestätsbeleidigung.

Man könnte ja nun einfach einmal fragen, warum die Unternehmen nicht einfach beizeiten durch betriebliche Ausbildung nach dem dualen System die Fachkräfte selbst ausbilden, die sie benötigen. Ebenso ist meines Wissens kein Unternehmen daran gehindert, Studenten durch bezahlte Praktika oder Nebentätigkeiten früh zu binden und so auch im Wettbewerb um die Absolventen eine bessere Position zu erhalten. Weiterhin könnte man denken, dass es im Interesse der Wirtschaft sein könnte, dass das Studium gebührenfrei bleibt, so dass die Absolventen nicht mit einem zu hohen Gehalt einsteigen müssen, um ihre Schulden aus der Studienzeit zu tilgen zu können. Dass natürlich auch ältere Bewerber eine Chance verdient haben und eine gemischte Altersstruktur für die meisten Unternehmen besser ist als eine jugendliche Monokultur der billigen Frischlinge, sollte jedem halbwegs intelligenten Menschen einleuchten.

Doch was macht “unsere” Wirtschaft:

  • Man spart über Jahre hinweg an der betrieblichen Ausbildung zwecks Renditeoptimierung und belügt sich in einem verlogenen Ausbildungspakt selbst, mit dem lediglich die Ausbildungsabgabe verhindert werden soll.
  • Man entläßt ohne jede Notwendigkeit Fachkräfte über 45/50 Jahre und steigert so die Altersarbeitslosigkeit.
  • Man forciert durch neoliberale Lobbys wie die INSM mit ihrem Propaganda-Projekt Unicheck Studiengebühren, die zu einem Einbrechen der Studierendenzahlen führen.

Aber das Beste kommt ja noch: Anstatt also einmal in Selbstreflektion das idiotische Verhalten der Vergangenheit zu überdenken und zu korrigieren, fordert man einmal mehr von der Politik mehr Zuwanderung, idealerweise natürlich nur die gewünschten Fachkräfte. Die haben den Vorteil, dass sie Null Euro Ausbildung kosten und über entsprechend formulierte Einwanderungsregeln ruckzuck wieder abgeschoben werden können, wenn unsere modernen Industriefürsten und Schlotbarone sie nicht mehr brauchen. Sie verlangen häufig ein geringeres Gehalt als deutsche Bewerber und Dank der Abschiebemöglichkeit kuschen sie auch brav so wie es der Sklavenhalter Arbeitgeber will:

“Aber man kann natürlich die Kriterien bei der Stellensuche so eng fassen, dass man den Eindruck erwecken kann, es gebe einen Fachkräftemangel.”

Hinter dem regelmäßig wiederkehrenden Gejammer der Wirtschaft nach ausländischen Fachkräften und dem angeblichen Mangel steckt vor allem eines: man will Lohndumping betreiben, indem man das Angebot der Fachkräfte vergrößert. Von einem realistischen Bedarf kann keine Rede sein und wenn, dann wäre er durch vorhandene Fachkräfte problemlos abzudecken, wenn die Wirrköpfe aus den Personalabteilungen einmal von ihren Fantasievorstellungen von perfekten Bewerbern und perfekten Lebensläufen abrückten. Aber dazu müßte man sich einmal anschauen, was ein vergleichbarer Arbeitnehmer im Unternehmen tut und welche Qualifikationen er hat, anstatt nur irgendwelchen Unsinn von anderen Stellenanzeigen, Fachzeitschriften oder Fachbüchern abzuschreiben. Und man müßte sich vielleicht mal wieder mit den Menschen hinter den Bewerbungsmappen auseinandersetzen, die sonst lediglich auf mögliche Fehler, Lücken oder Mankos abgeklopft werden. Damit scheinen die meisten Human Resources Manager maßlos überfordert zu sein. Es könnte ja sein, dass möglicherweise Verantwortung für die Entscheidung an einem hängen bleibt und die eigene Karriere einen Knick erleidet. Das muss natürlich verhindert werden und deshalb schreit man “Fachkräftemangel!”.

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