Die Feinde der Meinungsfreiheit

Sicher erinnern sich die meisten Leser noch an die Diskussionen um die Mohammed- Karikaturen und deren Veröffentlichung in den Medien, die in Teilen der islamischen Welt Proteste und sporadisch gar Ausschreitungen auslösten. In manchen Länder wurden Produkte aus Dänemark, wo die sich selbst als “liberal-konservativ” bezeichnende Zeitung Jyllands Posten einen Wettbewerb für Mohammed-Karikaturen ausgerufen und die Zeichnungen veröffentlicht hatte, boykottiert. Die gleiche Zeitung hatte übrigens im April 2003 die Veröffentlichung von Jesus-Cartoons abgelehnt. Seinerzeit entbrannte jedenfalls eine wilde Debatte über die Meinungsfreiheit und den Islam, die vor allem aus dem konservativen und (bürgerlich) rechten Lager meist mit plump kaschierten, rassistischen Stereotypen geführt wurde. Unter dem Strich wurde der Islam als rückständig und undemokratisch, Moslems als gewalttätig und minderwertig dargestellt. Sogleich riefen die selbst ernannten Vertreter der Meinungsfreiheit dazu auf, unsere “westlichen” oder “christlich-jüdischen” Werte verteidigen zu müssen. Das bis dahin vor allem von Rechtsextremen verbreitete Schreckgespenst von der angeblichen Islamisierung Europas oder gar der ganzen Welt fand als Diskussionsgegenstand den Weg in die Mitte der Gesellschaft und wurde vor allem im liberal-konservativen Lager rund um die CDU / CSU / FDP begeistert aufgegriffen.

Richtig ist wohl, dass der Islam als Religion noch einige Schritte zur Säkularisierung durchlaufen muss, wie sie von der katholischen Kirche unter anderem mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stattfanden. Bezeichnenderweise hat Papst Benedikt XVI., der vom gefeierten Medien-Papst nun wieder zurück zu den Linien des erzreaktionären Ratzingers findet, mit seinen jüngsten Äußerungen über die evangelische Kirche und der möglichen Rückkehr zur tridentinischen Liturgie zwei Schritte zurück gemacht. Weitere sind zu erwarten. Gleichzeitig nehmen religiöse Extremisten auch in Deutschland zu, beispielsweise in Organisationen wie The Call mit ihrer Holy Revolution School in Hessen oder andere kleinere Gruppierungen gleicher Bauart, die sich vor allem eine Rückkehr zur Missionierung auf die Fahnen geschrieben haben. Sollen in Deutschland Moscheen gebaut werden, was auf Grund des Privateigentums und der Religionsfreiheit eigentlich keine große Sache sein sollte, paktieren dort als Gegner heute schamlos Bürgerliche und Konservative mit den Rattenfängern rechter und rechtsextremer Organisationen. Nach den gemeinsamen Protesten dieser Leute werden dann auf Moschee-Baustellen schon einmal Baufahrzeuge abgefackelt.

Wir leben also in spannenden Zeiten und als Atheist betrachte ich diese Entwicklung mit Sorge. Die einseitige Darstellung des Islams vor allem als radikale und gewalttätige Religion nutzen die Ewiggestrigen der katholischen Kirche zur Rechtfertigung der eigenen Radikalisierung. Anstatt auf Dialog setzen solche Kreise auf Konfrontation und Provokation. Offenbar soll ein Kampf der Kulturen angeheizt werden, um beispielsweise weitere völkerrechtswidrige Angriffskriege der USA gegen islamische Staaten unter dem billigen Vorwand der Terrorismus- Bekämpfung legitimieren zu können. Ob es dabei um Ressourcen, kapitalistischen Imperialismus oder tatsächlich die Bekämpfung von Terrorismus geht, ist vielfach nicht mehr eindeutig zu definieren. Fakt ist, dass der militärisch- industrielle Komplex in den USA immer neues Futter braucht.

Inzwischen sind nicht nur jede Menge Websites und Blogs entstanden, die mit dürftigen Slogans wie proamerikanisch, proisraelisch, prochristlich kaschiert mehr oder weniger offen ihrem Rassismus in Form von Antiislamismus freien Lauf lassen, es findet auch eine Organisation des entsprechenden Lagers statt, das offenbar eine Verschmelzung der konservativen Parteien mit rechtsextremem Gedankengut vorantreiben will. Diesem Lager sind die CDU / CSU zu “lasch”, während sie vorgeben die NPD oder die Republikaner auch nicht zu mögen, weil die ja etwas gegen Juden haben. Das passt eben nicht zu der kritiklos proisraelischen Position dieses Lagers, die sich damit noch gleich auf die Fahnen schreiben, dass sie sich für Israel und die Juden einsetzten und dass man das als Deutscher ja so zu tun habe. Wenn man in gleicher Art und Weise gegen Moslems hetzt wie damals die Nazis gegen die Juden gehetzt haben, dann soll das aber bitte kein Rassismus sein, denn man sei ja ein Freund Israels und der USA.

Nun gibt es da seit einiger Zeit jemanden, der von den Rassisten mit den USA- und Israelflaggen am Hemdkragen gefeiert wird: Udo Ulfkotte. Mit seinem in meinen Augen lächerlichen Verein Pax Europa - Gegen Eurabien treibt er so manchem Alt- und NeoNazi vor Rührung die Tränen in die Augen. Eingeladen von Ortsverbänden der CDU, tingelt Dr. Udo Ulfkotte durch Deutschland und hält Vorträge “gegen die schleichende Islamisierung Europas” - begünstigt durch voneinander abschreibenden Medien wie das ehemalige Sturmgeschütz der Demokratie, das vor kurzem mit der Titelstory Mekka Deutschland kokettierte. Da wird von angeblichen Sonderrechten für Muslime schwadroniert, die christliche und jüdische Vereinigungen ebenso besitzen oder ohnehin nichts anderes als Hirngespinst sind. Denn Ulfkottes bevorzugte Quelle ist offenbar das Internet und da besonders solche Texte, die entweder nicht mehr existieren oder nicht mehr seriös nachprüfbar sind. So entblödete Ulfkotte sich auch nicht, eine Satireaktion, welche den Austausch der österreichischen Gipfelkreuze durch Halbmonde forderte, für bare Münze zu nehmen und als weiteren Beleg für die “Islamisierung Europas” anzuführen. Warum auf den Gipfeln aber überhaupt ein religiöses Symbol steht und nicht ein normaler Pfahl mit einem erklärenden Schild daran, wollte Ulfkotte wiederum nicht ergründen. Schließlich soll die Partei, welche er nach seinem Verein gründen will, Christlich-Ökologische Partei heissen, da braucht man noch ein wenig christliche Folklore.

Auch die restlichen Beispiele Ulkottes, dass Muslime angeblich freitags auf das Schweinefleisch beim Metzger spuckten (durch die Scheiben der Kühltheken?), die Banken angeblich das Sparschwein abschafften, weil es für Moslems unreine Tiere seien, oder Pluszeichen / Kreuze in Logos oder gar in der Mathematik abgeschafft oder verändert würden, weil sich Moslems beschwerten, sind meist nichts weiter als Hirngespinste oder aus dubiosen Quellen wie dem bräunlich anmutenden Blog Politically Incorrect, das mit der Trias proamerikanisch, proisraelisch, gegen die Islamisierung Europas skandiert. Dort freut man sich mitunter darüber, wenn Volker Beck von den Grünen bei einer Schwulendemo in Moskau von Polizisten zusammengeschlagen wird, macht die 68er für alle aktuellen und zukünftigen Missstände verantwortlich und rasselt natürlich täglich mit dem verbalen Säbel gegen Moslems, Toleranz und Dialog. Einige Kommentatoren dort fordern unverhohlen eine Reichskristallnacht für Moslems, wollen alle Musels ins Meer treiben, ausweisen und gelegentlich auch schonmal zu Brei prügeln oder anzünden. Manches dieser Hasstiraden wird moderiert, manches hingegen nicht. Aus dieser Suppe oder deren zweifelhafte Quellen fischt offenbar auch Udo Ulfkotte seine Beispiele über den angeblich bevorstehenden Untergang des Abendlandes.

Kein Wunder, wenn Udo Ulfkottes Bestrebungen gegen die “schleichende Islamisierung Europas” auch in Foren und in der Blogosphäre dokumentiert und kritisiert werden. Doch das, so kann man auch schon bei Wikipedia über ihn lesen, mag Ulfkotte gar nicht. Jochen Hoff, der verbal nach eigener Aussage zwar häufig das Breitschwert führt, aber im Kern der Sache doch meistens inhaltlich Recht hat, veröffentliche drei Artikel, die sich kritisch mit Udo Ulfkotte, Politically Incorrect und Islamophobie beschäftigten und kassierte dafür prompt zwei einstweilige Verfügungen, einmal von Ulfkotte und einmal von seinem Verein Pax Europa. Das Watchblog Islamophobie verlinkte und kommentierte Jochen Hoffs Artikel und erhielt dafür ebenfalls eine einstweilige Verfügung, wieder ein Mal von Udo Ulfkotte und ein Mal von Pax Europa. So sehen also die Verfechter westlicher Werte und der Meinungsfreiheit aus - interessant, wirklich sehr interessant.

Gegen größere Gegner wie Wikipedia oder die taz zieht er hingegen den Schwanz ein. So ist bei Wikipedia im Eintrag zu Dr. Udo Ulfkotte z.B. zu lesen:

“[Ulfkotte] sieht den Untergang des Abendlandes greifbar nahe: demografisch, wenn bis zum Jahr 2065 die Hälfte aller Bundesbürger Muslime seien, und politisch, wenn sich bis dahin der Islamismus in ganz Europa durchgesetzt haben werde. [...] Ulfkotte ist sicher: Die Muslimbruderschaft hat einen geheimen Plan zur Unterwanderung nichtmuslimischer Staaten. Das ist keine Verschwörungstheorie, denn sie bekennt sich freimütig zu diesem Ziel. Doch genau darum handelt es sich bei seinem Buch, das auf 300 Seiten noch die abstrusesten Beweise einer neuen Weltverschwörung präsentiert; oft genug ohne Quellenangabe oder unter Berufung auf Zeitungsmeldungen und Verfassungsschutzberichte, deren Quellen nicht bekannt sind.

Oder:

Für Erheiterung sorgt beim Rezensenten der Frankfurter Rundschau, Ralf Hanselle, dass Ulfkotte eine Satire-Aktion der Wiener Künstlergruppe “Haben wir denn keine anderen Sorgen” für bare Münze nahm, die gefordert hatte, die österreichischen Gipfelkreuze durch Halbmonde zu ersetzen. Desweiteren wirft er Ihm “Panikmache”, “journalistischen Schlendrian” und “Dummenfang” vor:

Da drängt sich der Verdacht auf, hier gehe einer mit überzogenen und falschen Behauptungen zielsicher auf Dummenfang. Die Halbmonde über Europas Gipfeln sind in diesem Buch wahrlich nicht der einzige Fall von journalistischem Schlendrian. Ob Jugendkriminalität unter Migranten, Gammelfleisch in Dönerbuden oder islamische Parallelgesellschaften: Aus Andeutungen, Zeitungsnotizen und oft nicht mehr zugänglichen Internetmeldungen schnürt der Autor ein Panikpaket zusammen.

Ganz zu schweigen von Ulfkottes “ruhmreicher” Vergangenheit bei der FAZ:

Der Journalist Karl Rössel behauptete 1997, dass Ulfkotte als Afrika-Korrespondent der FAZ von Shell Leistungen entgegengenommen hätte und die FAZ sich damit „journalistisch prostituiert“ habe. Die FAZ klagte gegen diese Aussage und verlor den Prozeß vor dem Kölner Landgericht am 2.9.1997.

In einem Artikel der taz beklagt sich Ulfkotte:

Bevor er das anti-islamische Parteiprojekt anging, war es nicht gut gelaufen für ihn. Die Staatsanwaltschaft klebte an seinen Fersen. Sein Haus wurde 2004 durchsucht, auch das Büro seiner Ehefrau, die als Unternehmensberaterin arbeitete. Man warf ihm vor, Beamte zum Verrat von Dienstgeheimnissen angestiftet zu haben. Die Bild-Zeitung titelte: “Polizeirazzia bei Enthüllungsjournalisten.” Ulfkotte wurde angeklagt. Sein Ruf stand auf dem Spiel.

Ulfkotte sagt, er sei unschuldig gewesen. Er habe keinen Beamten bestochen. Nach monatelangen Ermittlungen wurde das Verfahren eingestellt. Viele Kollegen habe er damals um Hilfe gebeten, erzählt Ulfkotte. Vergeblich. Sie hätten ihn zum “Aussätzigen” gemacht. Seine Frau habe ihre Existenz verloren. Selbst der Journalistenverband habe gesagt, man werde ihm nicht helfen. Seine Stimme kippt, wenn er darüber spricht. “Ich habe gefragt: Hey, warum? Warum?” Er habe in dieser Zeit Halt gesucht, er habe angefangen Kerzen in einer Waldkapelle anzuzünden, seine Religion wiederentdeckt. Er habe das Gefühl gehabt, dass man ihm, “diesem Scheißkerl”, das Elend gönnte.

Das Ganze klingt natürlich etwas unschön, aber meiner Meinung nach wäre Ulfkotte mit einem Therapeuten für sein gekränktes Ego und einer Berufsberatung für seinen Karriereknick besser dran gewesen als nun mit seinem Kampf gegen die islamischen Windmühlen. Oder vielleicht sollte Udo Ulfkotte sich zur Abwechslung einmal künstlerisch betätigen, indem er z.B. Postkarten und Bilder malt.

Also nicht vergessen, Udo: Kopf hoch und den Blick immer schön nach rrrrrrrrrechts!

6 Kommentare zu “Die Feinde der Meinungsfreiheit”

  1. Udo Ulfkotte und die Meinungs- und Pressefreiheit » Too Much Cookies Network

    [...] Die Feinde der Meinungsfreiheit - Perspektive 2010 [...]

  2. Perspektive 2010 » Blog Archive » Solidarität gegen die Feinde der Meinungsfreiheit

    [...] hatte kürzlich darüber berichtet , dass der “Islamkritiker” Adolf Udo Alfkotze Ulfkotte und sein dubioser Verein Pax [...]

  3. Perspektive 2010 » Blog Archive » Ulfkotte! Ulfkotte! Ulfkotte!

    [...] hatte ja bereits über die affige Abmahnerei des Dr. Udo Ulfkotte und seines Vereins Pax Europa gegenüber kritischen Bloggern berichtet.  [...]

  4. Abmahnung mit lähmender Wirkung - Finger.Zeig.net

    [...] das viele anderes empfinden oder einfach auch nicht zugeben: Wenn ich von neuen Abmahnfällen lese bin ich für einen Moment geschockt und [...]

  5. Perspektive 2010 » Blog Archive » Udo Ulfkotte wird nun international bekannt

    [...] hatte ja bereits darüber berichtet, wie Dr. Udo Ulfkotte und sein Verein Pax Europa versuchen, kritische [...]

  6. Perspektive 2010 » Blog Archive » Pax Europa bei StudiVZ

    [...] die Demonstration einen Anwalt nehmen sollen, anstatt ihn nur kontraproduktiv zum Versand von Abmahnungen und Unterlassungserklärungen gegen Kritiker zu verwenden? Als “Sicherheitsexperte” hätte Ulfkotte so etwas doch [...]


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