Yourcha.com: Trigami und Hauptbahnhof

Yourcha.com ist… hmmm…. ja, was eigentlich? Jedenfalls bekam ich gestern bei einem Zwischenstopp am Kölner Hauptbahnhof ein Jobticket von Yourcha. com, überreicht durch eine Dame im roten Stewardess-Kostüm. Das war mir erst später aufgefallen, dass da mehrere dieser Jungweiber herumstanden und die Werbung verteilten, während sie sonst vermutlich eher als Hostessen auf Messen notgeile Marketingfuzzis angrinsen. Von der Aktion gibt es auch Fotos bei Yourcha.com. Auf dem Jobticket, das natürlich kein Ticket ist, sondern ein popeliger Flyer in der Aufmachung eines Flugtickets, steht:

Neue Jobperspektiven.
Jetzt bewerben sich die Firmen bei Ihnen.

Kombiniere: Yourcha.com ist also offenbar so etwas wie eine Jobbörse. Was an dem ach so neuen Prinzip, was es als Stellengesuch (mit oder ohne Chiffre) schon seit Ewigkeiten gibt, so toll, anders oder einzigartig sein soll, will sich mir nicht so recht erschließen. Auch zahlreiche Personaldienstleister bieten hochqualifizierten Fachkräften entsprechende Vermittlungsdienste an, meistens kostenlos, weil das suchende Unternehmen dem Vermittler die Provision bezahlt. Angeblich würde Yourcha.com den Bewerbungsprozess umdrehen, indem Stellensuchende und Arbeitnehmer dort anonym ihr Profil eintragen können und die Unternehmen sich dann bei den Stellensuchenden “bewerben”. Na halleluja, so bekommen wir sicher die 4 bis 8 Millionen Arbeitslosen aus der Statistik, oder? Wohl eher nicht, denn natürlich geht es da vor allem um solche Arbeitnehmer, welche von den Unternehmen ohnehin händeringend gesucht werden, also Akademiker, Ingenieure, Führungskräfte und andere High Potentials. Die sind aber auf Grund der verfehlten Bildungspolitik in Deutschland sowieso eher rar gesät, wenn sie nicht schon gleich nach dem Abschluss der Neoliberalen Republik Deutschland den Rücken gekehrt haben. Die durchschnittlichen Arbeitslosen, die meist eher geringqualifiziert sind, können sich also die Anmeldung bei Yourcha.com wohl sparen. Dumm nur, dass jene hochqualifizierten Arbeitnehmer, die Yourcha.com ansprechen will, schon lange andere etablierte Wege zur Jobsuche haben, z.B. Networking über Alumni- Netzwerke, Berufsverbände, XING oder Job-Messen, um nur einige Beispiele zu nennen. Also schlicht eine Jobbörse wie es schon Dutzende andere im Internet gibt, allerdings mit Yourcha offenbar vorrangig als Spielzeug für Personalabteilungen und provisionsgeile Personaldienstleister gedacht. Man könnte auch sagen, dass Yourcha.com nichts weiter ist als ein 0815-Personalvermittler mit Website, der die Provisionen einsacken will. Natürlich werden sich auch dort wieder zahlreiche Personalvermittler und Zeitarbeitsfirmen registrieren und willig Gebühren zahlen, damit sie in der Yourcha- Datenbank nach geeigneten Sklaven Arbeitnehmern für ihre Auftraggeber suchen können. Das Geschäftsmodell von Yourcha besteht also vorrangig aus den Daten, die Arbeitnehmer und Arbeitslose dort eintragen, indem sie den Zugang zu diesen Daten an Unternehmen und Personalvermittler verkaufen. Langweilig und parasitär zugleich.

Besonders unsympathisch erscheint mir bei Yourcha.com neben penetranter Werbung, dass man bei der Anmeldung einen persönlichen Code eingeben muss, obwohl man ja angeblich anonym sein Profil anlegen können soll. Sorry, Jungs, dazu gehört für mich auch, dass ich nicht anhand alberner Codes von Euren Marketingaffen getrackt werde. Aber da war doch noch was mit Yourcha.com neulich an der Blogbar

Ach ja, genau, Yourcha.com hatte mittels Blognutten von Trigami, die mitunter auch schon einmal für evangelikale Sekten werben, ein wenig Werbung gekauft:

Jetzt ist Yourcha an der Reihe, ein angebliches Recruitungportal, das ungefragt Post verschickt und personell sehr eng mit der Adresss- und Datensammelfirma GlobalGroup verknüpft ist, und sehr seltsame Geschäftspraktiken an den Tag legt:

laut allgemeinen Geschäftsbedingungen müssen registrierte Arbeitnehmer die kompletten Rechte an ihren Daten Yourcha zur Nutzung übertragen.[…] Ärger gibt es auch mit den angeblichen Kundenunternehmen. Knapp 280 Firmen suchten über Yourcha nach Mitarbeitern, behauptet Sven Reuter. Doch offenbar schmückt sich die Plattform mit falschen Referenzen: „Da sind wir definitiv nicht Kunde“, versichert Doreen Haase von der Kommunikationsagentur TC Gruppe, deren Logo noch kürzlich auf der Yourcha-Homepage durchlief. Dem kann sich Daniela Denninger vom Museum für Moderne Kunst (MMK) Frankfurt nur anschließen: „Von Yourcha höre ich heute zum ersten Mal.“ Die Werbeagentur Publicis, die Großbank UBS – sie alle haben nach eigenen Aussagen nichts mit Yourcha zu schaffen, obwohl das Unternehmen sie als Kunden nennt. Immerhin: Kurz nach den karriere-Recherchen verschwanden die Logos sämtlicher Unternehmen – darunter auch Konzerne wie Audi und VW – von der Homepage.

Interessant. Das ist doch echt mal wieder ein Kunde, der zu Trigami und deren Blognutten ebenso passt wie zum nächtlichen Ambiente von Bahnhöfen und deren Umgebung. Ansonsten scheint Yourcha.com nebenher noch eine Gehaltsausgleichsversicherung der R+V Versicherungen, eine Art private Arbeitslosenversicherung, zwecks Abschöpfen von Provisionen zu verticken und wollte wohl gleiches anfangs auch mit (Probe-) Abos der FAZ für die Mitglieder machen. Langsam wird es ekelig.

Aber auch zur Deutschen Bahn passt eine Marktingaktion in deren Räumlichkeiten für ein Unternehmen wie Yourcha.com. Schließlich hat die Deutsche Bahn ja auch kein Problem damit, gemietete Luxuskarossen in ihren Bahnhöfen abstellen zu lassen, auf deren Nummernschildern Gewinn mich steht, drumherum Tische mit angeblichen Teilnahmekarten einer Verlosung, wo die größten Deppen Deutschlands ihre Adressdaten draufpappen können. Zwecks gesteigertem Sex-Appeal werden diese Teilnahmekarten nicht in eine Box geworfen, sondern durch einen Schlitz des teilweise geöffneten Seitenfensters der jeweiligen Potenzschleuder. Gewonnen werden aber auch da vor allem Adressdaten von Volltrotteln, die später von einem Call Center im Auftrag des jeweiligen Verlags angerufen werden. Sie gewinnen dann zwar kein Auto, das wahrscheinlich eh nie wirklich verlost wurde, und auch sonst keinen Blumentopf. Dafür bekommen sie aber ein sicherlich absolut überflüssiges Abo einer Tageszeitung oder einer TV-Zeitschrift angedreht, welches ihr sauer verdientes Geld auf direktem Wege in Altpapier verwandelt – herzlichen Glückwunsch!

Die Anmeldung bei Yourcha.com ist wahrscheinlich genauso nutzlos.

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