Lebenspfand

Ich weiß nicht, wie es meinen Lesern geht, aber ich betrachte diverse Entwicklungen in Deutschland extrem kritisch. Eine dieser Entwicklungen ist die massive Zunahme von Pfandsammlern, denn diese Zunahme spricht vor allem auch für eine Zunahme der grassierenden Armut in Deutschland, die Menschen dazu zwingt, Pfandflaschen sammeln zu gehen. Ein Bekannter meinte neulich gar, dass das grüne Projekt des Einwegpfands vielmehr Teil der rot-grünen Verarmungspolitik der Agenda 2010 gewesen sei als ein ökologisches Projekt. Nur so sei es möglich gewesen, dass heute Erwerbslose, Rentner und Alleinerziehende abends und insbesondere an Wochenenden durch die Großstädte und zu Massenveranstaltungen ziehen, um dort Pfandflaschen zu sammeln. Einige von ihnen sind mit dem Rad unterwegs, andere mit einem kleinen Ziehwagen, wie ihn sonst Senioren zum Einkaufen verwenden, oder mit Rucksack und Tragetaschen. Kürzlich sah ich in einer Großstadt auch den ersten Pfandsammler, der mit einem Einkaufswagen unterwegs war, so das ich mich direkt an Bilder erinnerte, die man sonst nur aus den USA kannte. Auch an den Ufern der Flüsse, die sich durch größere Städte schlängeln, trifft man inzwischen regelmäßig Pfandsammler, die Grünanlagen und Abfalleimer nach den begehrten Flaschen durchsuchen.

Natürlich finde ich es nicht übel, wenn so Müll vermieden und die Umgebung bei Veranstaltungen nicht komplett zugemüllt wird. Andererseits ergreift mich eine tiefe Scham, dass wir in Deutschland inzwischen einen so extremen Zustand sozialer Kälte erreicht haben, dass bittere Armut die Menschen zum Pfandsammeln zwingt. Dann beschämt es mich beispielsweise, dass ich Gerhard Schröder, den neoliberalen Ganoven Genossen der Bosse, damals nicht bei öffentlichen Auftritten mit faulen Eiern oder Farbbeuteln beworfen habe. Dann beschämt es mich, dass der korrupte VW-Nuttenbaron Peter Hartz auf freiem Fuß ist und noch ein recht erträgliches Dasein pflegen dürfte, während Millionen Menschen in unserem Land auf Grund seiner hirnlosen Reformkonzepte, welche nur die Abwärtsspirale von Lohn- und Sozialdumping in Gang setzte, bereits der Arsch auf Grundeis geht. Dann beschämt es mich, dass immer mehr Kinder in Armut aufwachsen müssen, während die Stromkonzerne auf Kosten der Allgemeinheit ihre Renditen für die Vorstände und Aktionäre nach oben schrauben können, weil man in einer modernen Gesellschaft kaum eine Wahl hat, ob man Energie “konsumiert” oder nicht, weil sie mit so vielen Grundbedürfnissen verbunden ist, z.B. mit Körperhygiene, Ernährung usw. Und noch viel mehr beschämt es mich, dass wir so dummdreiste, korrupte und moralisch von der kleinen Zehe bis zur Haarspitze verwesten Politiker haben, die solche Zustände als Erfolg bezeichnen und irgendwas von einem Aufschwung jubeln, der ohnehin nur denen zugute kommt, die schon alles im Überfluß ihr Eigen nennen, während die Massen auf der Strecke bleiben und schon seit vielen Jahren von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt sind.

Was also tun? Da ich weder über Millionen verfüge, noch besonders viel Freizeit habe, bleibt mir nur eines: Wenn ich arbeitsbedingt oder auch privat unterwegs bin, werfe ich so häufig wie möglich Pfandflaschen weg. Ich weiß, das ist weder eine wirkliche Hilfe, noch eine Perspektive, aber es gibt mir zumindest das klitzekleine Gefühl, mit diesen Zuständen und ihren Folgen nicht einverstanden zu sein. Ich weiß nicht, was ich täte, hätte ich einen Lottogewinn oder ein Erbe zur Hand. Vielleicht würde ich Suppenküchen in der Nähe von Schulen an sozialen Brennpunkten eröffnen. Oder Tageseinrichtungen, wo Kinder Alleinerziehender angemessen verpflegt, bei den Hausaufgaben betreut und unterhalten werden, während der Elternteil - häufig zu Niedriglöhnen - arbeiten geht. Oder einen Wohnblock sanieren, Obdachlose von der Straße holen und ihnen wieder zu einem menschenwürdigen Platz in der Gesellschaft verhelfen. All dies tun diejenigen, deren einzige “Leistung” das Schicksal der Geburt bei vermögenden Eltern ist, jedoch häufig nicht. Anstatt für ihre eigene Situation so etwas die Dankbarkeit zu zeigen, werden sie häufig arrogant und versnobt und heben ab. Anstatt der Gesellschaft und da insbesondere den Schwächsten etwas zurückzugeben, gründen sie lieber pseudo-intellektuelle und pseudo-wissenschaftliche Think Tanks, damit sie sich mittels gekaufter Politiker und publizistischer Mietmäuler noch mehr überflüssigen Reichtum zuschanzen können, den sie ebenso nicht zu würdigen und nicht klug einzusetzen wissen wie ihr schon vorhandenes Vermögen.

Ich denke, dies ist der Konflikt zwischen dem, was uns als “westlicher Wert” im Kapitalismus eingetrichtert wird, und dem, was ich als Anhänger asiatischer Philosophie für wertvoll halte. Während uns im westlichen Kapitalismus eingetrichtert wird, dass jeder für sich selbst das Beste rausholen solle und an jeden gedacht ist, wenn jeder nur an sich denkt, fordert die asiatische Philosophie, vor allem der Buddhismus, dass wir das Leid auf dieser Welt zu lindern haben. Da gibt es beispielsweise die Geschichte eines buddhistischen Mönchs, der zwar laut Lehre mit seinem Tod endlich das Nirvana hätte erreichen können, dieses aber im Moment seines Sterbens selbst durch Verlangen vereitelte, weil er solange im Rad der Wiedergeburten wiederkehren wollte, bis er alle Geschöpfe von ihrem Leid erlöst hat. Während der Mensch im westlichen Kapitalismus also nur auf sein eigenes Wohl aus und es ihm dabei in der Regel egal ist, wieviel Leid er dadurch anderen zufügt, definiert die asiatische Philosophie unseren Daseinszweck in weiten Teilen so, dass wir das Leid anderer zu lindern und kein neues Leid in diese Welt zu bringen haben.

Ob es in einer Gesellschaft, die nach der genannten Philosophie lebt und wirtschaftet, wohl auch Pfandsammler und Armut gäbe?

Ein Kommentar zu “Lebenspfand”

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