Zur Unmenschlichkeit im real existierenden Kapitalismus / Neoliberalismus
Ich habe in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht, wie sich wohl Menschen wie Hans-Peter Z. fühlen dürften, die vom durch die Agenda 2010 entarteten Sozialstaat im Stich gelassen werden. Ebenso, was in all denen vorgehen mag, die auf der einen Seite dem Psychoterror der ARGEn mit Schikanen und Sperren schutzlos ausgeliefert sind, während Vermieter, Versorger und Händler ihnen immer weniger Lebensqualität, ja Leben, für ihre begrenzten Geldmittel zugestehen wollen.
Vor wenigen Tagen habe ich in diesem Blog eine Kategorie Musik eingerichtet, da Musik manchmal besser in der Lage ist, extreme Gedanken und Gefühle auf den Punkt zu bringen. Beim Stöbern im CD-Regal bin ich dabei auf das Album Einsamkeit von Lacrimosa gestoßen. Darauf ist der Track “Reissende Blicke” zu finden, dessen Text ich hier ausnahmsweise im Vollzitat wiedergebe, da er meine Überlegungen zum Thema am besten in die passenden Worte kleidet:
Reissende Blicke
Ich sitze im Kino meines Lebens
Alle Plätze sind belegt
Mein Platz ist nur ein Notsitz
Zuviele Menschen sind heute hier
Das Licht geht aus – der Film beginnt
Erinnerungen steigen wieder auf
Längst Vergangenes wird wieder Gegenwart
Ein fremdes Ich glotzt mir ins Gesicht
Ich blicke in die Menge
Das ganze Kino lacht
Ein Krüppel treibt in den Fluten
Mir wird schlecht
Ich schäme mich
Ein von gestern geprägtes Heute
Ich erinnere mich an damals
Die Frage um Leben und Tod
Heute weiss ich die Antwort
Damals nicht – Ich habe falsch entschieden
Und wieder lachte das Kino
Ich stehe auf und stürze hinaus
Ich muss mich übergeben
Der Hass schlägt auf
Werden sie mich im Licht erkennen?
Werden sie auch dann noch lachen?
Wieso gehen sie nicht alle nach Hause?
Es ist doch nur mein ganz privates Leben
Ich komme zurück, mein Platz ist besetzt
Ich setze mich still auf den Boden
Ich will schliesslich sehen,
was mit mir passiert
Ich kenne meinen Sinn noch nicht
Ich hoffe nur, ich sterbe rasch
Damit ich die Demut nicht mehr ertragen muss
Es tut mir leid, wenn mein
Leben jemanden störte
Doch gab es einen Film, den sie mochten
Der Film zeigt meinen Tod
Endlich darf auch ich mal lachen
Doch tausend Augen drehen sich herum
Und blicken mir entsetzt entgegen
Ich denke, dass dieser Text sehr gut die Verzweiflung und das verlorene Selbstwertgefühl, welches bis zu Selbsthass reichen kann, beschreibt, unter dem zahlreiche Betroffene leiden dürften. Auch die Depression, in die viele Erwerbslose und Hilfsbedürftige auf Grund ihrer aussichtlosen Lage rutschen.
Wie sie das Gefühl bekommen, dass für sie in unserer Gesellschaft kein Platz mehr sei und sie nur noch der Unterhaltung (Talkshows und Reality Soaps, z.B. Der Arbeitsbeschaffer, Raus aus den Schulden usw. auf RTL) oder als schlechtes Vorbild dienen können. Die Demütigung durch die von Sachzwängen (Armut, drohende Obdachlosigkeit u.v.m.) verursachte Öffentlichkeit ihrer Not. Auch nicht ausgeklammert wird die Ansicht Betroffener, dass ein baldiger Tod ihre einzige und letzte Freude in diesem um seine Würde und Möglichkeiten beraubten Leben sein könnte.
Und das kurzzeitige Entsetzen der Öffentlichkeit, wenn dann wirklich jemand in unserer unmenschlichen Gesellschaft durch schwere Krankheit oder Suizid auf der Strecke bleibt, obwohl es mit ein wenig mehr Menschlichkeit in diesen Tagen zu verhindern gewesen wäre.
Ich spucke auf diese verlogene Gesellschaft der Unmenschlichkeit!

