dieGesellschafter, die Tafeln und die Diziplinierung des Elends

Ich habe nie einen Hehl daraus, dass ich das Tafelprojekt seit der Instrumentalisierung durch McKinsey und andere asoziale Neoliberale nicht mehr besonders erwähnenswert finde. Es führt dazu, dass den Betroffenen ein einklagbarer Rechtsanspruch auf eine angemessene Versorgung vorenthalten bleibt, während sie die freiwilligen Almosen dieser Einrichtungen in Empfang nehmen. Die Tafeln helfen nicht gegen die Armut der vielen ALG2-Empfänger, Alleinerziehenden und Familien, sie machen diese für die Betroffenen lediglich etwas weniger hart. Schon lange steigt die Zahl der “Kunden” der Tafeln, während die Zahl der Sachspenden stagniert oder gar zurückgeht . Bei den stark gestiegenen Preisen werden die Betroffenen es sehr bald zu spüren bekommen, welche Folgen es hat, wenn man sich mit einem gefüllten Bauch zufrieden gibt anstatt den Kopf zu benutzen und sich gegen das die Menschenwürde verletzende Unrecht der Hartz-Gesetze ebenso effektiv wie kollektiv  zu erheben.

Doch die Tafeln haben Kritik nicht gerne. Schließlich sind sie ein Instrument zur Ruhigstellung der Bevölkerung, während man in den oberen Etagen der Gesellschaft weiterhin den Sozialstaat und das Steuersäckel zugunsten von Bankstern und anderen Besserverdienern plündert. Außerdem haben bei den Tafeln viele bürgerliche Ehefrauen eine ach so erfüllende Aufgabe für ihren sinnentleerten Alltag neben dem langweiligen Shopping-Stress gefunden. Es wäre wohl besser, sie hätten die Kraft dafür aufgewendet, ihre Ehegatten von den unseriösen Steuerhinterziehungsmodellen der Finanzwirtschaft fernzuhalten und stattdessen dazu überredet die vollen Steuern zu bezahlen.

Auch Prof. Dr. Stefan Selke hält die Tafeln zur Armutsbekämpfung für kontraproduktiv und hat dies in mehreren Büchern und auch in seinem Kommentar ausführlich begründet:

Es gibt nicht nur eine Konvergenz zwischen wirtschaftlicher Krise und dem sich immer wieder erneuernden Kraftakt der Tafeln. Inzwischen bezweifeln auch viele andere, das Tafeln ein unhinterfragbares Allheilmittel sind. Das „System Tafel“ ist zu einer Art Pannendienst der Gesellschaft geworden, vergleichbar höchstens noch mit dem ADAC, an den ebenso hohe Verlässlichkeitserwartungen herangetragen werden. Aber dieser Service verursacht auch zahlreiche Seiteneffekte…

Tafeln haben eine Sandwichposition zwischen ‚Armutskonstruktion’ und ‚Armutsbekämpfung’. An diesem  gesellschaftlichen Ort leisten sie im Wesentlichen erfolgreiche Armutsbewältigung. Gerade durch den enormen Erfolg dieser Armutsbewältigung können aber Forderungen an den Staat nach struktureller, nachhaltiger Armutsbekämpfung immer weniger plausibel vorgebracht werden. Dadurch tragen Tafeln eine Mitverantwortung für den Rückbau des Sozialstaates. Sie verändern unser kulturelles Selbstverständnis von sozialer Ungleichheit und Armut massiv. Wie das?

Die ‚tafeladäquate’ Institutionalisierung von Hilfsleistungen definiert und normalisiert das gesellschaftliche  Grundverständnis von Armut stetig. Tafeln ‚konstruieren’ und verstetigen Armut, weil sie die Freiheitsgrade in der öffentlichen Wahrnehmung von Armut irreversibel reduzieren. Sie erzeugen damit eine dominante Sichtweise auf Armut und eine verpflichtende Bewältigungsstrategie zum Umgang mit belastenden Lebenslagen: „Dann geh’ doch einfach zur Tafel!“ lautet der neue Imperativ des Selbstrisikounternehmertums.

Tafeln schaffen zudem eine neue Light-Kultur des Gebens, wie zuletzt die Pfandflaschenaktion bei LIDL: Pfandautomaten vereinen die Anschaulichkeit von Lebensmittelspenden, die Direktheit der Hilfe – und das bei maximaler  Kontaktlosigkeitsgarantie zur Welt der Hilfsbedürftigen. Tafeln „zivilisieren“ die Gabe, indem sie diese – per Knopfdruck – technisch überformen.

Tafeln sind sicher eine neue, zeitgemäße Form von Zwischenmenschlichkeit. Aber sie sind eben auch Ausdruck demonstrativer Hilfsbereitschaft und Vorbild inszenierter Solidarität ohne wirkliche Integrationsfunktion. Sie sind letztlich (instrumentalisierte) Instrumente zur Sicherstellung einer Minimalform der Existenz, eine Form sekundärer Sozialisation an der Peripherie der Gesellschaft, an der die Menschen „umsortiert“ werden.

Die öffentliche Diskussion über die Tafeln in Deutschland sollte daher wegführen von der Anerkennung pragmatischer Leistungen der vielen Tafeln und hinführen zu einer Grundsatzdebatte über unser gesellschaftliches Selbstverständnis von Gerechtigkeit. Die Logik des Umverteilens gesellschaftlichen Überflusses an die sog. „Überflüssigen“ lässt sofort vergessen, dass die „Überflüssigkeit“ der Personen den eigentlichen gesellschaftlichen Skandal darstellt. Mehr noch: Wenn die Tafeln erst so selbstverständlich geworden sind, dass sich niemand mehr eine wirkliche Alternative ausmalen kann oder will, dann wird das Ende der Unschuld dieser sozialen Bewegung endgültig erreicht sein.

Kürzlich sollte Prof. Selke für die Gastkolumne bei “die Gesellschafter.deâ€, einem Digitalableger der “Aktion Mensch†(früher: Aktion Sorgenkind) einen Gastkommentar über die Tafeln schreiben. Doch dieser war wohl zu “persönlich, subjektiv und direktâ€, denn man zensierte ihn lieber:

Ich habe – wie sonst auch und vor allem wie in meinem zweiten Buch “Tafeln in Deutschland†auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass Systeme, wie das der Tafeln, Armut auch verstetigen. Das ist nicht neu, eher ein Klassiker der Soziologie, aber es erregt jedes mal die Gemüter. Als Soziologe verstehe ich das, weil damit das Selbstbild derer, die vor Ort helfen (wollen) angegriffen wird. Aber verstehen heißt nicht einverstanden sein. Ich bin nicht damit einverstanden, dass sich das “Schauhelfen†im Land als gutbürgerliches Hobby durchsetzt und damit das strukturelle Problem vergessen wird.

Im Blog von Oliver Gassner gibt es deshalb nun ein Interview mit Prof. Dr. Stefan Selke über die Tafeln, die Gesellschafter und Selkes zensierten Kommentar:

Oliver Gassner : Wie sollte man -statt mit oder zusätzlich zu Tafeln- Armut denn besser bekämpfen?

Stefan Selke : Ich trete ja erst einmal dafür ein und auf, dass wir als Gesellschaft das Phänomen Tafeln besser verstehen und differenzierter einordnen lernen. Da ist noch ein riesen Nachholbedarf. Erst in zweiter Hinsicht kann man dann überlegen, wie man Armut bekämpfen kann. Das ist sicher eine Aufgabe der Politik – die aber rührt sich umso weniger, je besser Tafeln arbeiten und je erfolgreicher sie sind. Besorgniserregend finde ich es, dass zwar teilweise kritische Positionen (wie etwa meine) auch bei manchen Tafeln nachgefragt werden, dass aber die Interessensvertreter der Tafeln (v.a. auf der Bundesebene) die Kritik lieber totschweigen…

Neben den Tafeln kristallisiert sich in den letzten Monaten auch eine ganz andere Bewegung heraus: Containerer. Da klettern Studenten, Arbeitslose und Geringverdiener nach Ladenschluss in die Container und großen Mülltonnen der Discounter und Supermärkte, um dort weggeworfene Lebensmittel im weitgehend brauchbaren Zustand herauszufischen. Offenbar haben diese Leute keine Lust auf die Tafeln mit ihren ihren subtilen Disziplinierungsmechanismen, wollen aber dennoch nicht auf kostenlose Lebensmittel verzichten oder aber der allgemeinen Wegwerfmentalität entgegentreten.

Traurig jedenfalls, dass ein im Kern so lobenswertes Projekt wie die Tafeln vom neoliberalem Gesindel so verwurstet und pervertiert werden konnte – und Kritik daran offenbar nicht erwünscht ist.

(via)

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